Leonard Cline

"Die dunkle Kammer"

Ü: Andreas Diesel
mit einem Nachwort von Malte S. Sembten
(224 Seiten, Paperback, Festa-Verlag 1301, ISBN 3-935822-40-5, EUR 12,95)
- erschienen: Dezember 2001 -

Oscar Fitzalan, Pianist und Komponist, wird vom Wissenschaftler Richard Pride eingestellt. Das Haus der Prides, Mordance Hall, beherbergt einen merkwürdigen Haushalt. Hough, den Hausdiener, scheint eine Art Haßliebe mit Mrs. Pride zu verbinden, während Janet für ihren Vater Richard überhaupt nicht existiert.
Nach und nach fügt sich Oscar, dessen Aufgabe es ist, Pride mit Klaviermusik zu unterhalten. Aus Prides Notizen erkennt er, daß der Wissenschaftler offenbar bemüht ist, jede Erinnerung seines Lebens aufzuschreiben - die Idee, daß die Menschheit eine Art Erbgedächtnis besitzt, scheint Pride regelrecht in Besitz genommen zu haben.
Oscar verliebt sich in Janet, doch diese brennt bald darauf mit einem Spanier durch, einem von Prides zahlreichen Rechercheuren. Kurz darauf verfällt Oscar Mrs. Pride, und als die Experimente immer exzentrischer werden und Oscar schließlich in Prides Labor übersiedelt, spitzen sich die Ereignisse mehr und mehr zu...

Daß Clines Roman erst jetzt in einer deutschen Übersetzung vorliegt - immerhin stammt das Original aus dem Jahr 1927 - ist ein Gewinn für den deutschen Leser. Beziehungsweise für den Leser, der sich für anspruchsvollen und nicht immer einfach zu lesenden Gothic-Horror interessiert. Das Grundthema des Romans dürfte dem, der Lovecraft kennt, irgendwie vertraut sein. Ein Mad Scientist versucht, die Erinnerungen seinen Lebens zu bewahren, doch er schießt weit über das Ziel hinaus und verendet schließlich elendiglich.
Das Grundthema tritt eigentlich nur zu Beginn und gegen Ende des Romans auf; der Thematik der Liebesbeziehung zwischen Janet und Oscar sowie der Affäre mit Mrs. Pride widmet Cline weiten Raum.
Der Stil des Autors ist gewöhnungsbedürftig, wirkt an manchen Stellen arg gespreizt, und man braucht seine Zeit, um sich einzulesen. Teilweise häuft Cline die Metaphern derart aufeinander, daß man den Satz zweimal lesen muß, um ihn verstehen zu können. Auch in den Dialogen schimmert bisweilen diese Vorliebe für das Bildhafte und Gestelzte durch. Sieht man von diesen Stolpersteinen jedoch ab, die man eindeutig der Entstehungszeit zurechnen muß, eröffnet sich einem ein wahres Juwel der Gothic-Novel, in dem Wahnsinn, Liebe und Selbstmord zu einer Mixtur gemischt werden, die einen in den Bann schlägt. Außerdem haben wir hier den seltenen Fall eines Ich-Erzählers.
Was an der optischen Aufmachung des Romans ein wenig stört, ist der Zeilenabstand, der fast eine Zeile beträgt, jedenfalls dem Anschein nach. Das stört natürlich beim Lesen, da man immer meint, man wäre im Beginn eines neuen Abschnittes. Warum man den Text unbedingt auf rund 222 Seiten bringen mußte, ist mir schleierhaft. Vielleicht will man aber der "Bizarren Bibliothek", in der dieser Roman erschienen ist, auch eine Art von Corporate Identity geben. Wer weiß. Angenehmer wäre natürlich ein halbwegs normaler Zeilenabstand gewesen. Warten wir den zweiten Band der Reihe ab.

Fazit:
Trotz des teilweise recht angestaubten Stils hat der Festa-Verlag dem deutschen Leser ein regelrechtes Juwel erschlossen. Die äußere Aufmachung jedoch sollte in der nächsten Auflage noch verbessert werden - und die "Naturgesetzte" im Klappentext auch. ;-)
14 Punkte

Christian Spließ


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