Erik Simon / Friedel Wahren:

"Tolkiens Erbe"

D 2001
(954 Seiten, Taschenbuch, Heyne 06/9161, ISBN 3-453-19622-8, EUR 10,-)
- erschienen: November 2001 -

Lord Dunsany: "Die Zwingenburg so keiner bezwingt denn Sacnoth"
Das Dorf Allathurion wird von einem grausamen Magier terrorisiert. So zieht der junge Held Leothric aus, um das sagenumwobene Schwert Sacnoth zu finden und damit das Dorf von der unheimlichen Bedrohung zu befreien.

Ich muß gestehen, daß diese Geschichte vermutlich die ungewöhnlichste von allen aus dieser Sammlung ist. Auf der eine Seite ist die Handlung einfach, gradlinig und hat eigentlich überhaupt keine überraschenden Wendungen. Zudem ist sie extrem eigentümlich geschrieben, woraus man den Verdacht schöpfen könnte, daß der Autor sehr stark alten Zeiten nacheifern will. Wirft man allerdings einen Blick auf das Datum der Erstveröffentlichung, so merkt man, daß der Autor den alten Zeiten nicht nacheifert, sondern aus den alten Zeiten der Fantasy stammt, denn das Datum lautet 1908...
12 Punkte

E.R. Eddison: "Zora Rach nam Psarrion"
Lord Juss zieht auf eine gefährliche Queste aus, um seinen Bruder vor einem tödlichen Schicksal zu erretten.

Mit dem Erscheinungsdatum von 1922 auch eine Geschichte aus der alten Garde. Konnte ich aber Lord Dunsany noch die Faszination eines Klassikers abgewinnen, so bin ich mit dieser Geschichte ganz und gar nicht zurechtgekommen. Die Geschichte plätschert vor sich hin und ist auf einmal ohne größere Höhen und Tiefen einfach am Ende.
Mag sein, daß ich die wichtigen Dinge einfach nicht verstanden habe, aber gefallen hat's mir nicht.
5 Punkte

Stephen R. Donaldson: "Tochter der Könige"
Die junge Chrysalis ist die Erbin eines zerstrittenen Königreiches. Es ist der Abend vor ihrer großen Prüfung, die zeigen wird, ob der magische Thron sie als Herrscherin anerkennen wird oder ob sie den Test mit dem Leben bezahlen muß. Nicht wenige wollen, daß sie diese Prüfung gar nicht erst antritt, und so versuchen sowohl Freunde als auch Feinde, ein Netz von Intrigen zu spinnen, das die Thronerbin von ihrem Weg abzubringen droht.

Eine sehr schöne Geschichte. Wunderbar erzählt sie auf diesen Seiten von mehr Wendungen und Wirrungen, als man für möglich halten würde. Sie ist mit gut 130 Seiten aber auch die längste des Bandes.
14 Punkte

Jack Vance: "Liane der Wanderer"
Liane der Wanderer trifft auf seinen Reisen die schöne Hexe Lith. Bezaubert von ihrer Schönheit, will er sie besitzen, doch sie weist ihn ab. Um ihr zu gefallen, will Liane in seinem grenzenlosen Hochmut Chun den Unvermeidlichen bezwingen, ohne zu sehen, daß er nur in sein Verderben laufen kann.

Eine Geschichte über einen Helden, der blindlings in sein Verderben rennt, ohne zu erkennen, daß die eigentliche Falle längst hinter ihm zugeschnappt ist.
Ganz nett, aber irgendwie auch nichts Besonderes.
8 Punkte

Andrzej Sapkowski: "Die Grenze des Möglichen"
Eine Gruppe von unterschiedlichsten Charakteren zieht aus, um einen Drachen zu jagen, der ein kleines Königreich bedroht. Allerdings ist nicht ganz klar, ob der Drache die größere Gefahr ist oder sie selbst ...

Eine faszinierende Geschichte mit allerhand unterschiedlichen Ebenen und Episoden. Trotz des Kurzgeschichtencharakters nimmt der Autor sich die Zeit, seine Handlung vorzubereiten und einige raffinierte Wendungen mit einzubauen. Er bringt nicht nur eine Message unters Volk, sondern verbindet sie auch noch mit einer schönen und guten Geschichte.
14 Punkte

Michael Moorcock: "Könige in der Dunkelheit"
Elric und sein Gefährte Mondmatt treffen auf Prinzessin Zarozinia aus Karlaak und entschließen sich dazu, sie in ihre Heimat zu geleiten. Schnell kommen Elric und die Prinzessin sich näher, doch unterwegs geraten sie in die Gewalt der finsteren Menschen von Org und ihres grausamen Herrschers, der Niederes mit ihnen vorhat.

Eine Geschichte aus der Welt des Elric von Melnibone, wie sie klassischer nicht sein könnte. Der tragische Held gerät in eine mißliche Situation und muß sich und die seinen dabei retten. Dabei steht er immer mit einem Bein in einem finsteren und unendlich tiefen Abgrund.
Eine Geschichte, die den Anhängern Moorcocks gefallen, bei allen anderen aber wohl eher auf Ablehnung stoßen dürfte.
11 Punkte

Tanith Lee: "Die Tochter des Magiers"
Das Mädchen mit dem Namen Ezail ist klein und mißgestaltet. Sie ist die Tochter eines finsteren Magiers, der sie nach ihrer Geburt verstoßen hat und die unter den unglaublichsten Umständen aufgewachsen ist. Und doch hat sie eine Ausstrahlung an sich, der sich kaum jemand entziehen kann. So erscheint es unvermeidlich, daß ihr ein großes Schicksal bevorsteht.

Eine feine Geschichte über jemanden, dem Unglaubliches angetan wird, der aber immer wieder über sich selbst hinauswächst und schließlich gar nicht mehr anders kann, als sein Schicksal zu meistern.
12 Punkte

Barrington J. Bayley: "Das Schiff des Unheils"
Das Schiff des Unheils ist ein Schiff der Elfen, die sich im Krieg mit den niederen und primitiven Menschen befinden. Doch es hat sich verirrt und streift nun auf der Suche nach Land über die See, als es auf ein kleines Schiff der Menschen trifft. Der einzige Überlebende dieser Begegnung muß sich nun mit dem grausamen Elfen-Kapitän herumschlagen, und ob er je wieder seine Freiheit begrüßen darf, erscheint sehr sehr ungewiß.
Eine Geschichte aus einer Welt, von der ich gerne mehr lesen würde. Wiederum handelt die Geschichte vom Hochmut, der gegen den verzweifelten Mut der scheinbar Unterprivilegierten keine Chance hat. Die Atmosphäre ist düster, die Elfen hochnäsig und grausam, und doch ist alles sehr faszinierend.
13 Punkte

Ursula K. Le Guin: "Das Drachenkind"
In der Welt der unendlichen Inseln entdeckt die junge Iria, daß sie ungewöhnliche Fähigkeiten hat, die weit über das hinausgehen, was die Dorfhexe ihr vermitteln kann. Ein fremder Magier vermittelt ihr eine Passage auf die Insel der Zauberer, wo nur Männer aufgenommen werden. Doch es gelingt ihr, sich dort einzuschleichen und für mehr Wirbel zu sorgen, als der alten Männerclique lieb ist.

Auch in der Welt der Magier entwickelt sich die Zeit weiter, selbst wenn manche das nur schwer einsehen. In gewohnt einfühlsamer Weise erzählt die Autorin von Erdsee diese Geschichte vom Drachenkind, die jeden Fantasy-Fan in ihren Bann ziehen dürfte.
13 Punkte

N. H. Beard und D. C. Kenney: "Die Brücke über den Gallweinfluß"
Frito, Pepsi, Spam und Stapfer müssen vor den schwarzen Reitern - den Nozdrul - fliehen, die ihnen dicht auf den Fersen sind. Doch die Rettung wartet an der Gemeindebrücke der Elbenstadt, die für die schwarzen Reiter eine böse Überraschung parat hat.

Nichts für jedermann. In diesem Auszug aus dem Herrn der Augenringe wird Tolkien unbarmherzig durch den Dreck gezogen - und das nicht nur auf eine sanfte Art, sondern ganz und gar gnadenlos. Ob es allerdings klug war, einfach nur ein paar Seiten aus einer viel größeren Geschichte abzudrucken, wage ich zu bezweifeln. Auf diese Weise wirkt alles sehr abgehakt und ohne großen Zusammenhang. Zwar sind ein paar Lacher vorhanden, aber das reicht noch lange nicht für eine anständige Geschichte.
7 Punkte

Esther M. Friesner: "Grausputz"
Der grausige Herrscher herrscht in seiner ihm üblichen finsteren Art und Weise über sein Schloß. Hier hält er die liebliche Prinzessin Minuriel gefangen, die er gern heiraten würde. Leider hat sie für ihn ganz andere Empfindungen, doch schließlich fällt ihr selbst ein Plan der allerfinstersten Sorte ein. Sie willigt also in die Hochzeit ein, mit der Gewißheit, dem grausigen Herrscher einen dicken Strick zu drehen. Doch für beide kommt es ganz, ganz anders...

Eine herrliche Geschichte für alle diejenigen, die Fantasy mit ein wenig anspruchsvollem Blödsinn mögen. Was man sich allerdings unter anspruchsvollem Blödsinn vorstellen darf, muß jeder selbst herausfinden. Auf jeden Fall handelt es sich hier um meinen absoluten Favoriten unter den Geschichten aus diesem Band.
15 Punkte

Terry Pratchett: "Der Zauberer des Wyrmbergs"
Rincewind, der Tourist Zweiblum und der Barbar Hrun halten sich in einem Gebiet mit einer seltsamen magischen Ausstrahlung auf, die sogar der untalentierte Magier Rincewind spürt. Schneller als die drei denken können, befinden sie sich mitten unter einer Unmenge von Drachen, die es doch eigentlich gar nicht mehr gibt...

Diese Geschichte ist meines Wissens schon in so vielen Anthologien veröffentlicht worden, daß sich eigentlich jedes Wort darüber erübrigt, da sie vermutlich eh schon jeder gelesen hat. (* Sagen wir mal, jeder außer mir. Heike)
Für die Leute, auf die das dennoch nicht zutrifft: Meines Erachtens ist dies eine eher mittelmäßige Geschichte von Terry Pratchett, die zwar sehr genau auf die einzelnen Fähigkeiten der drei Akteure eingeht und auch ansonsten eine paar Lacher und Schmunzler zu bieten hat, ansonsten aber eher hinter den Erwartungen zurückbleibt, die man eigentlich an Pratchett stellt.
9 Punkte

Fazit:
Eine Sammlung mit einer Menge Geschichten, die mit Tolkien eigentlich nur eines gemein haben: Es sind Fantasy-Geschichten. Zwar sind die Geschichten überwiegend ganz anständig; dennoch wird überdeutlich, daß hier hauptsächlich im Zuge der Verfilmung noch ein wenig Geld mit dem Namen Tolkien gemacht werden soll. Deswegen enthalte ich mich hier auch einer weiteren Wertung

Alexander Haas


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