Zum
Inhalt:
New Crobuzon ist ein Ungetüm von einer Stadt, aber auch der
einzige Ort, an dem der Garuda Yagharek neue Flügel bekommen
kann. Er wendet sich an den Forscher Isaac Grimnebulin, der den
Auftrag annimmt und erst einmal Grundsatzforschungen zum Fliegen
unternimmt. Zu den geflügelten Exemplaren aller möglichen
Tiere, die er sich über dunkle Kanäle besorgt, gesellt sich
auch eine große, schillernde Raupe. Doch daß diese Raupe
sich zu einem Lebewesen entwickelt, das in der Lage ist, die
Bevölkerung ganz New Crobuzons zu vernichten, ist ihm nicht
bewußt...
Mal wieder ein zweigeteilter Roman - doch angesichts des Umfangs ist
dies durchaus verständlich. Allerdings sei die Frage erlaubt,
weshalb der zweite Teil des Romans inhaltlich rund 1/4 weniger Umfang
aufweist, durch eine wesentlich größere Schrift jedoch auf
die gleiche Seitenzahl gebracht wurde wie der erste Teil. Und auch
die mehr als seltsame verlagsinterne Numerierung der beiden Romane
(der erste mit einer 23er-, der zweite mit einer 24er-Nummer) ist
eher ungewöhnlich, werden hierbei doch normalerweise zwei
verschiedene SF-Reihen innerhalb der SF-Veröffentlichungen bei
Bastei getrennt. Während die eine eher der "anspruchsvollen",
sozialkritischen SF gewidmet ist, beinhaltet die andere die eher
actionbetonten Space-Operas. Dies sind dann doch eher seltsame
Auswüchse des Verlagswesens...
"Perdido Street Station" erweist sich insgesamt als recht
anspruchsvoller Roman, der den Leser in eine faszinierende Welt
entführt - eine dunkle, schmutzige Welt, die an manche
Ausführungen des Cyberpunks erinnert, in der die Technik jedoch
eher als magisch beschrieben wird. Der Roman zählt
dementsprechend auch eher zu den sozialkritischen SF-Romanen als zu
den rein technischen, so daß sich man Fragen nach der
Hintergrundlogik dieser Welt besser nicht stellen sollte.
Dabei spart der Autor allerdings auch nicht an den Action-Elementen
der Handlung, solange diese Elemente für die Handlung auch
benötigt werden. Damit ist Perdido Street Station sicherlich
nicht so einfach in die Reihen einzuordnen, die ich anfangs
erwähnt habe. Den Roman deswegen jedoch gleich in beiden Reihen
anzubieten, ist dann aber doch ein wenig seltsam...
Wie dem auch immer sei - dem Autor gelingt jedenfalls ein
hervorragender Roman, der vor allem atmosphärisch dicht
beschrieben ist. Dabei verschwimmen die Grenzen zwischen den Genres
teilweise deutlich, mal ist es SF, mal ist es Horror, und die Welt im
Allgemeinen ist eher im Fantasy-Bereich anzusiedeln.
Vor allem der erste Band (die erste "Hälfte") reißt den
Leser förmlich mit und läßt ihn in die seltsame Welt
New Crobuzons eintauchen - so er denn gewillt ist, sich
überhaupt auf den Text einzulassen. Denn ein "schneller"
Lesestoff ist dieser Roman sicherlich nicht. Das gilt sowohl
stilistisch im Allgemeinen als auch für die deutsche
Übersetzung im Besonderen. China Miéville schreibt
grundsätzlich erst einmal "schwierig", was sich nicht nur auf
das rein Stilistische, sondern auch auf die Verwendung von
Fachausdrücken und Fremdwörtern bezieht, die dermaßen
ungebräuchlich sind, daß ihre Bedeutung wohl kaum ein
Leser ohne Nachschlagen direkt versteht.
Ich glaube, hier sind ein paar Beispiele angebracht (Achtung: Duden
und Fremdwörter-Duden bereitlegen!):
I, S. 185: "Die Schiffsmasten, der Großsegler, die in Kelltree
vor Anker lagen, schoben sich ins Blickfeld. Sie dippten und
schwoiten behäbig."
I, S. 196: "Zugegeben, die gleichen Quisquilien wie in der letzten
Ausgabe [der Zeitung], aber wir haben halt
Sauregurkenzeit."
I, S. 202: "Vor ihrer morganatischen Affäre war sie von der
Überlegenheit der sexuellen Gepflogenheiten ihrer Spezies
überzeugt gewesen, und rein intellektuell verachtete sie das
alberne, sinnlose Gestotter, das sie gelegentlich auf der
Straße, in Cafés mithörte."
II, S. 144: "Er wollte den Kopf der Kreatur behalten, um ihn in
stillen Stunden zu untersuchen und mehr über das Movens und die
Affekte eines Gierfalters zu erfahren."
II, S. 171: "Sein Wams war dunkelbraun, Lagen aus steifem
Couirbouillie - in Wachs gekochtes Leder - mit einem gepunzten
Spiralenmuster."
II, S. 313: "Ausgemustert und sich selbst überlassen,
dümpelten die Kaskos alter Boote in der Strömung und
zerrten halbherzig an vergessenen Stegen."
II, S. 316: "Er mußte sich mit dem numinosen Arachniden
besprechen."
II, S. 518: "Sie [die Vögel] strabanzten durch die
Straßenschluchten von The Crow, schlängelten sich
geschickt durch die widerstreitenden Luftströmungen über
der Perdido Street Station."
Hand auf's Herz: Wer kannte alle Begriffe, ohne nachsehen zu
müssen? (Ein kleiner Gag am Rande, auch wenn es wenig damit zu
tun hat: Die Rechtschreibprüfung von Word2k kannte 2/3 schon mal
nicht - auch wenn dies nun wirklich nichts zu sagen
hat...<vbeg>)
In dem ganzen Bemühen, die "Hochwertigkeit" des Romans durch
möglichst ungebräuchliche Wörter und komplizierte
Sätze zu beweisen, schleichen sich dann aber auch schon mal ein
paar Fremdwörter ein, deren Benutzung in diesem Zusammenhang
schlicht und ergreifend falsch ist.
Das vielleicht schönste Beispiel ist hier im zweiten Roman auf
S. 286 zu finden:
"Blut in diversen Farben und Beschaffenheiten ejakulierte über
Wände und Fußboden und die dort liegenden Toten."
Nein, das Blut "ejakuliert" mit Sicherheit nicht. Der Begriff
"Ejakulieren" ist in der deutschen Sprache eindeutig mit einer
einzigen Tätigkeit verbunden. Und selbst wenn man "Ejakulieren"
als Sinnbild für einen stoßweisen Auswurf einer
Flüssigkeit im allgemeinen Sinn annimmt, kann das Blut nicht
"ejakulieren", sondern es <i>wird</i> "ejakuliert". Mit
viel gutem Willen und zwei zugekniffenen Augen könnte man also
einen Satz wie "Blut in diversen Farben und Beschaffenheiten wurde
über Wände und Fußboden und die dort liegenden Toten
ejakuliert." durchgehen lassen. Aber so, wie es da
steht...<vebg>
Nun gut, solche kleineren (und manchmal auch größeren
Aussetzer) geschehen nun mal in Übersetzungen, was das Werk an
sich jedoch nicht unbedingt schmälert. Man sollte sich nur
überlegen, ob eine gehäufte Verwendung eher
ungebräuchlicher Worte wirklich zur "Qualitätssteigerung"
des Roman beitragen kann. Hier jedenfalls kostet es eher ein klein
wenig in der Punktwertung, als daß es von Nutzen ist. Der
Lesespaß leidet eben doch ein bißchen darunter.
Fazit:
Ein hochwertiger, aber auch recht schwieriger Text, der durch die
Übersetzung teilweise nicht gerade verständlicher wird. Wer
bereit ist, sich auf den Roman einzulassen, wird jedoch nicht
enttäuscht werden. In letzter Zeit ist zumindest kaum ein
originellerer und mitreißenderer Genre-Roman erschienen.
Für Gelegenheitsleser, die einfach nur Unterhaltung suchen, gilt
jedoch: Finger weg!
13 Punkte
Und hier der Link für den zeiten Teil.