China Miéville:

"Perdido Street Station"

bestehend aus:

"Die Falter"

(Perdido Street Station - 1. Teil)
OT: Perdido Street Station, Part 1-4
Ü: Eva Bauche-Eppers
USA 2000
(558 Seiten, Taschenbuch, Bastei Lübbe 23245, ISBN 3-404-23245-3, EUR 8,90)
- erschienen: Februar 2002-03-22

&

"Der Weber"

(Perdido Street Station - 2. Teil)
OT: Perdido Street Station, Part 5-8
Ü: Eva Bauche-Eppers
USA 2000
(558 Seiten, Taschenbuch, Bastei Lübbe 24298, ISBN 3-404-24298-X, EUR 8,90)
- erschienen: März 2002 -

Zum Inhalt:
New Crobuzon ist ein Ungetüm von einer Stadt, aber auch der einzige Ort, an dem der Garuda Yagharek neue Flügel bekommen kann. Er wendet sich an den Forscher Isaac Grimnebulin, der den Auftrag annimmt und erst einmal Grundsatzforschungen zum Fliegen unternimmt. Zu den geflügelten Exemplaren aller möglichen Tiere, die er sich über dunkle Kanäle besorgt, gesellt sich auch eine große, schillernde Raupe. Doch daß diese Raupe sich zu einem Lebewesen entwickelt, das in der Lage ist, die Bevölkerung ganz New Crobuzons zu vernichten, ist ihm nicht bewußt...

Mal wieder ein zweigeteilter Roman - doch angesichts des Umfangs ist dies durchaus verständlich. Allerdings sei die Frage erlaubt, weshalb der zweite Teil des Romans inhaltlich rund 1/4 weniger Umfang aufweist, durch eine wesentlich größere Schrift jedoch auf die gleiche Seitenzahl gebracht wurde wie der erste Teil. Und auch die mehr als seltsame verlagsinterne Numerierung der beiden Romane (der erste mit einer 23er-, der zweite mit einer 24er-Nummer) ist eher ungewöhnlich, werden hierbei doch normalerweise zwei verschiedene SF-Reihen innerhalb der SF-Veröffentlichungen bei Bastei getrennt. Während die eine eher der "anspruchsvollen", sozialkritischen SF gewidmet ist, beinhaltet die andere die eher actionbetonten Space-Operas. Dies sind dann doch eher seltsame Auswüchse des Verlagswesens...
"Perdido Street Station" erweist sich insgesamt als recht anspruchsvoller Roman, der den Leser in eine faszinierende Welt entführt - eine dunkle, schmutzige Welt, die an manche Ausführungen des Cyberpunks erinnert, in der die Technik jedoch eher als magisch beschrieben wird. Der Roman zählt dementsprechend auch eher zu den sozialkritischen SF-Romanen als zu den rein technischen, so daß sich man Fragen nach der Hintergrundlogik dieser Welt besser nicht stellen sollte.
Dabei spart der Autor allerdings auch nicht an den Action-Elementen der Handlung, solange diese Elemente für die Handlung auch benötigt werden. Damit ist Perdido Street Station sicherlich nicht so einfach in die Reihen einzuordnen, die ich anfangs erwähnt habe. Den Roman deswegen jedoch gleich in beiden Reihen anzubieten, ist dann aber doch ein wenig seltsam...
Wie dem auch immer sei - dem Autor gelingt jedenfalls ein hervorragender Roman, der vor allem atmosphärisch dicht beschrieben ist. Dabei verschwimmen die Grenzen zwischen den Genres teilweise deutlich, mal ist es SF, mal ist es Horror, und die Welt im Allgemeinen ist eher im Fantasy-Bereich anzusiedeln.
Vor allem der erste Band (die erste "Hälfte") reißt den Leser förmlich mit und läßt ihn in die seltsame Welt New Crobuzons eintauchen - so er denn gewillt ist, sich überhaupt auf den Text einzulassen. Denn ein "schneller" Lesestoff ist dieser Roman sicherlich nicht. Das gilt sowohl stilistisch im Allgemeinen als auch für die deutsche Übersetzung im Besonderen. China Miéville schreibt grundsätzlich erst einmal "schwierig", was sich nicht nur auf das rein Stilistische, sondern auch auf die Verwendung von Fachausdrücken und Fremdwörtern bezieht, die dermaßen ungebräuchlich sind, daß ihre Bedeutung wohl kaum ein Leser ohne Nachschlagen direkt versteht.
Ich glaube, hier sind ein paar Beispiele angebracht (Achtung: Duden und Fremdwörter-Duden bereitlegen!):
I, S. 185: "Die Schiffsmasten, der Großsegler, die in Kelltree vor Anker lagen, schoben sich ins Blickfeld. Sie dippten und schwoiten behäbig."
I, S. 196: "Zugegeben, die gleichen Quisquilien wie in der letzten Ausgabe [der Zeitung], aber wir haben halt Sauregurkenzeit."
I, S. 202: "Vor ihrer morganatischen Affäre war sie von der Überlegenheit der sexuellen Gepflogenheiten ihrer Spezies überzeugt gewesen, und rein intellektuell verachtete sie das alberne, sinnlose Gestotter, das sie gelegentlich auf der Straße, in Cafés mithörte."
II, S. 144: "Er wollte den Kopf der Kreatur behalten, um ihn in stillen Stunden zu untersuchen und mehr über das Movens und die Affekte eines Gierfalters zu erfahren."
II, S. 171: "Sein Wams war dunkelbraun, Lagen aus steifem Couirbouillie - in Wachs gekochtes Leder - mit einem gepunzten Spiralenmuster."
II, S. 313: "Ausgemustert und sich selbst überlassen, dümpelten die Kaskos alter Boote in der Strömung und zerrten halbherzig an vergessenen Stegen."
II, S. 316: "Er mußte sich mit dem numinosen Arachniden besprechen."
II, S. 518: "Sie [die Vögel] strabanzten durch die Straßenschluchten von The Crow, schlängelten sich geschickt durch die widerstreitenden Luftströmungen über der Perdido Street Station."
Hand auf's Herz: Wer kannte alle Begriffe, ohne nachsehen zu müssen? (Ein kleiner Gag am Rande, auch wenn es wenig damit zu tun hat: Die Rechtschreibprüfung von Word2k kannte 2/3 schon mal nicht - auch wenn dies nun wirklich nichts zu sagen hat...<vbeg>)
In dem ganzen Bemühen, die "Hochwertigkeit" des Romans durch möglichst ungebräuchliche Wörter und komplizierte Sätze zu beweisen, schleichen sich dann aber auch schon mal ein paar Fremdwörter ein, deren Benutzung in diesem Zusammenhang schlicht und ergreifend falsch ist.
Das vielleicht schönste Beispiel ist hier im zweiten Roman auf S. 286 zu finden:
"Blut in diversen Farben und Beschaffenheiten ejakulierte über Wände und Fußboden und die dort liegenden Toten."
Nein, das Blut "ejakuliert" mit Sicherheit nicht. Der Begriff "Ejakulieren" ist in der deutschen Sprache eindeutig mit einer einzigen Tätigkeit verbunden. Und selbst wenn man "Ejakulieren" als Sinnbild für einen stoßweisen Auswurf einer Flüssigkeit im allgemeinen Sinn annimmt, kann das Blut nicht "ejakulieren", sondern es <i>wird</i> "ejakuliert". Mit viel gutem Willen und zwei zugekniffenen Augen könnte man also einen Satz wie "Blut in diversen Farben und Beschaffenheiten wurde über Wände und Fußboden und die dort liegenden Toten ejakuliert." durchgehen lassen. Aber so, wie es da steht...<vebg>
Nun gut, solche kleineren (und manchmal auch größeren Aussetzer) geschehen nun mal in Übersetzungen, was das Werk an sich jedoch nicht unbedingt schmälert. Man sollte sich nur überlegen, ob eine gehäufte Verwendung eher ungebräuchlicher Worte wirklich zur "Qualitätssteigerung" des Roman beitragen kann. Hier jedenfalls kostet es eher ein klein wenig in der Punktwertung, als daß es von Nutzen ist. Der Lesespaß leidet eben doch ein bißchen darunter.

Fazit:
Ein hochwertiger, aber auch recht schwieriger Text, der durch die Übersetzung teilweise nicht gerade verständlicher wird. Wer bereit ist, sich auf den Roman einzulassen, wird jedoch nicht enttäuscht werden. In letzter Zeit ist zumindest kaum ein originellerer und mitreißenderer Genre-Roman erschienen. Für Gelegenheitsleser, die einfach nur Unterhaltung suchen, gilt jedoch: Finger weg!
13 Punkte

Winfried Brand


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