Zamorra
nimmt die Einladung von Fu Long an und kommt in dessen Haus in
Denver. Fu Long hat mehrere antike Schriftrollen erstanden, die aus
der Zeit der chinesischen Drei Reiche stammen und eine Geschichte
erzählen, zu der Fu Long unbedingt die Meinung Zamorras einholen
will.
Währenddessen hat Jack O'Neill unter seinem Chef zu leiden.
Dieser findet, die Aufklärungsrate in Venice Beach bei den
vermißten Personen sei zu niedrig, und er setzt Jack und
Obadiah auf die Fälle an. Daß Jack mehrere Begegnungen mit
Vampiren hatte, glaubt der Chef natürlich nicht. So besuchen
beide eine Informantin mit dem Namen Hope. Sie erzählt, in
letzter Zeit würden Wölfe Menschen verschwinden lassen. Da
Hope ein Junkie ist, nimmt Obadiah die Geschichte nicht allzu ernst.
Kurze Zeit später finden beide Hope, die durch etwas angefallen
worden ist, bewußtlos vor und liefern sie ins nächste
Krankenhaus ein. Doch Hope ist eine Tulis-Yon geworden, eine
Tatsache, die Jack am eigenen Leib erlebt. Er informiert Nicole, die
den nächsten Flug nach L.A. nehmen will und ihn davor warnt, auf
eigene Faust etwas zu unternehmen - ein Rat, an den sich Jack und
Obadiah nicht halten werden.
Unterdessen hat Baal Hope getötet, ihre Gestalt angenommen und
versucht, Kuang-Shi auf eigene Faust aus dem Weg zu räumen. Der
Lohn dafür: der Höllenthron. Kurz zuvor hat er sich der
Unterstützung der vertriebenen Vampirsippen versichert. Es kommt
zur Schlacht, die Baal jedoch nicht mehr miterlebt. Kuang-shi
vernichtet ihn auf einen Schlag. Mitten in der Schlacht finden sich
Jack und Obadiah wieder, die sich tapfer schlagen. Während
Obadiah danach zu sich nach Hause fährt, wird Jack von einem
Tulis-Yon angefallen.
In Denver erfahren Zamorra und Fu Long einiges über die goldene
Stadt der Vampire - und zu seiner Überraschung findet sich
Zamorra als Hofzauberer am Hof Kuang-shis erwähnt. Dort nimmt er
den Beamten Wang Youwai als Gast in seinem Haus auf - wobei Gast eine
Untertreibung ist, haben die Soldaten Kuang-shis doch die Diener
Youwais abgeschlachtet und nur ihn verschont. Es scheint, als sei
Kuang-shi an der Eroberung der Drei Reiche interessiert, und so fragt
er den Beamten genauestens aus. Wang plant schließlich die
Flucht, stürzt aber wegen seiner einsetzenden Erblindung
über Zamorra. Die Schriftrolle bricht an dieser Stelle ab. Nur
kurz wird erwähnt, daß der in einen Vampir verwandelte
Wang in die Goldene Stadt zurückgelangt. Zamorra hat zwar
während des Studierens der Schriftrollen eine Art Flashback,
will Fu aber nichts Genaues verraten, da er sich selbst noch nicht
sicher ist, was er davon halten soll. Als Zamorra schließlich
auf dem Heimweg ist, fragt sich Fu, ob die Zeit des Übergangs
wirklich so schnell gekommen ist.
Kompliment, Frau Kern. Einen atmosphärisch dichten Roman zu
schreiben, der überdies penibel recherchiert zu sein scheint,
und dabei dann noch die Charaktere nicht aus den Augen zu verlieren,
ist eine Kunst, die nur wenige Autoren beherrschen.
Die Handlung um den Beamten Wang Youwai eröffnet nicht nur einen
Einblick in eine Zeit, die für Zamorra vermutlich noch kommen
wird - hier muß man die nächsten Bände abwarten, aber
die Spekulationen im Forum zu diesem Thema scheinen doch richtig
gewesen zu sein - sondern führt auch elegant den roten Faden
fort. Ob die bisher geschilderten Episoden chronologisch direkt
aufeinander folgen, wird man erst nach weiteren Bänden sehen,
aber eines ist sicher: Es wird auf jeden Fall spannend.
Baal hatte nur ein kurzes Gastspiel, aber durch sein einfaches
Dahinscheiden unterstreicht Claudia recht geschickt die
Machtfülle, die Kuang-shi zur Verfügung hat.
Und zugleich scheint deutlich zu werden, daß der Supervampir
für die Hölle keine Gefahr bedeutet. Obwohl - so ganz
sicher kann man sich nicht sein. Noch wissen wir nicht genau, was
Kuang-shi vorhat. Und sind die Schriftrollen tatsächlich aus der
Vergangenheit der Welt, oder beschreiben sie eine Parallel-Dimension?
Reist Zamorra am Ende gar nicht durch die Zeit - damit würde
Roberts Aussage unterstützt, daß man in der letzten Zeit
zuviel Paradoxa hatte - sondern "nur" durch die Dimensionen? Man
merkt, dieser Band beschäftigt den Leser auch nach seinem Ende;
ein Zeichen für gute Romane.
Mein absoluter Liebling: Obadiah. Erinnert einen irgendwie an den
frühen Eastwood. Wortkarg, in Waffen verliebt und immer bereit,
seinem Freund beizustehen. Und er hat auch noch seine Ecken und
Kanten. Man ahnt, daß mehr dahintersteckt als nur der reine
Waffennarr. Endlich mal wieder ein Charakter, an dem man sich reiben
kann, der aber nicht unsympathisch wirkt.
A propos - ein gewisser Herr Whedon taucht am Rande des Romans auf.
Wenn auch nur als Namensgeber - und ob das nun eine Anspielung auf
einen gewissen Serienerfinder ist? Könnte sein... ;-)
Fazit:
Mehr davon, Frau Kern. Mehr solche Romane, in denen das
Action-Spektakel durch sorgfältig gezeichnete Charaktere und
eine spannende Handlung ergänzt wird.
14 Punkte