Mit
großen Schritten nähert sich die erst vor zwei Jahren
gestartete Serie "Rettungskreuzer Ikarus" ihrer ersten
Jubiläumsnummer, dem Band 10. Um dieses Jubiläum
gebührend zu feiern, wird mit diesem Band erstmals in der
Geschichte der Serie ein Zweiteiler (inklusive Cliffhanger)
vorgelegt.
Wir erinnern uns: Mit Hilfe der Besatzung der Ikarus war es Sally
McLennane (der Vorgesetzten der Crew) im letzten Band gelungen, ihre
Position zu festigen. In diesem Band wird der Rettungskreuzer gleich
am Anfang dem Corpsgeheimdienst zugeteilt und darf sich auch gleich
auf eine höchst gefährliche Geheimmission begeben: Die Crew
um Roderick Sentenza soll auf Seer'Tak City eine Havarie
vortäuschen und dort dann nach zwei vermißten Mitgliedern
des Corpsgeheimdienstes suchen...
Wir erinnern uns ferner, daß die Macher der Serie versprochen
hatten, mehr über die Hintergründe der Serie zu
erzählen - beginnend mit diesem Doppelband. Dies führt im
vorliegenden Band dazu, daß eine Fülle von
Handlungssträngen gleichzeitig erzählt wird, mit denen
sowohl der Autor als auch die Leser zu jonglieren haben. So verfolgen
wir nicht nur das Schicksal der Ikarus-Crew, sondern erleben auch
noch die Machenschaften des Gangsterbosses von Seer'Tak City, nehmen
an Humanexperimenten teil, verfolgen galaktopolitische
Ränkespiele, statten einem Schiff der galaktischen Kirche einen
Besuch ab und registrieren mit Freude, daß auch Jason und
Shilla wieder mit von der Partie sind. Man merkt schon: verdammt viel
Stoff für 95 Seiten.
Nichts gegen komplexe Romane, ganz im Gegenteil; dies führt beim
vorliegenden Band nur leider dazu, daß die eigentliche Handlung
des Romans erst im letzten Drittel einsetzt und folglich die
Exposition erst ungefähr auf Seite 69 endet. Und wenn ein Roman
zwei Drittel seiner Zeit mit der Exposition zubringt, hat er ein
strukturelles Problem. Natürlich kann man dagegen einwenden,
daß die Bände 9 und 10 als ein einheitliches Werk zu sehen
sind (und somit ein und nicht zwei Drittel der Exposition vorbehalten
sind), aber da Band 10 erst in drei Monaten erscheint, muß man
sich trotzdem in diesem Band durch sehr viele/zu viele
einführende Szenen kämpfen. Das macht den Roman nicht
unbedingt langweilig, sorgt aber manchmal für etwas
Ungeduld.
Viel Spaß machen wie üblich die Szenen mit Jason und
Shilla, die sich immer mehr zu den eigentlichen Lieblingen der Serie
entwickeln. In diesem Band werden sie gegen Ende getrennt, und man
darf gespannt sein, was sie im nächsten Band erwartet. Auch
schön, daß das neue Crew-Mitglied An'ta, die an eine
Überschwere der Perry Rhodan-Serie erinnert, endlich mehr Raum
bekommt. Wirkte sie in den letzten Bänden eher wie ein
Stück der Inneneinrichtung der Ikarus, bekommt sie hier am
Anfang mal eine größere Szene zusammen mit dem
Captain.
Stilistisch kann man dem Roman attestieren, daß er
größtenteils flüssig geschrieben ist, auch wenn der
Autor einmal mehr in zu hohem Maße seiner Adverbivitis
frönt und zu vielen Verben ein erklärendes Adverb zur Seite
stellt. Charaktere "schlucken trocken", "nicken knapp" oder
"schnalzen anerkennend" usw., was überhaupt nicht nötig
gewesen wäre, viel zu oft vorkommt und zu sehr an die Sprache
von Heftromanen erinnert.
Zu einer netten Gewohnheit ist es inzwischen geworden, daß der
Autor auch in diesem Band wieder Personen aus seinem Umfeld im Roman
"verbrät", wobei bewußt offengelassen wird, ob das
jeweilige Schicksal der Personen proportional zu der Sympathie zu
verstehen ist, die der Autor der verwendeten Person
entgegenbringt...
Das Titelbild ist, wie üblich, erstklassig; das Ikarus-Team kann
froh sein, einen Künstler wie Klaus G. Schimanski in seinen
Reihen zu haben. Auch ist der Band schön produziert und
unterscheidet sich eigentlich lediglich durch seine
ungewöhnliche Länge (oder besser gesagt: Kürze) von
professionellen Publikationen.
Fazit:
Auftakt zu einem Zweiteiler, der zwar durch eine viel zu lang
geratene Exposition und ein Übermaß von Figuren und
Handlungssträngen etwas von seinem Spannungspotential
einbüßt, insgesamt aber noch ganz ordentlich
unterhält.
7 Punkte.