"Sein Glied
war so groß wie sein Mut."
Bei solch kühnem Vergleich dürfte klar sein, daß wir
hier einen Bastei-Sex-Western vor uns haben. (* Es sei denn, er
war ein Feigling... Heike)
Da stellt sich natürlich die Frage: Wie kommt so etwas ins
FLASH? Nun, der hier vorliegende Roman wurde von Walter Appel unter
dem Pseudonym Earl Warren verfaßt, einem in fast allen Genres
beheimateten Heftroman-Veteranen, der auch schon sehr viele
phantastische Romane verfaßt hat, und damit qualifiziert sich
der vorliegende Roman für eine FLASH-Rezension. Außerdem:
Wer sonst bespricht solche Romane? Eben.
Die Handlung des vorliegenden Bandes ist schnell erzählt:
Eine Gruppe Indianer überfällt und massakriert eine
Siedler-Familie. Frauenheld und U.S.-Marshal Jim Preston muß
nun nicht nur die Mörder jagen, sondern auch dafür sorgen,
daß die von (dem Serien-Bösewicht) Rex Cameron
geschürten Spannungen zwischen Siedlern und Indianern sich nicht
in Gewalttätigkeiten entladen.
An einen solchen Roman irgendwelche literarischen Maßstäbe
anzulegen, hieße, die Zimmertemperatur mit dem Tachometer zu
messen. Deshalb verzichten wir darauf und erwähnen nur der
Vollständigkeit halber, daß Liebhaber von schöner
Sprache in diesem Roman, vorsichtig ausgedrückt, eher nicht auf
ihre Kosten kommen werden. Insbesondere die heftromantypische
Verwendung von Verben dürfte bei Sprachästheten große
Gefühle des Unwohlseins auslösen, wenn da der Pulverdampf
"wölkt" und die "Knarren ballern". (* Wo! Fahlft Du alwo
jetft meine Fahnartftreffnung? Muffte miff aufgrund diewer Beifpiele
anläffliff ftarker Fahnfmertfen meinem Dentiften anvertrauen...
Heike)
Liebhaber klassischer Westernserien rümpfen bei den
Bastei-Sex-Western immer die Nase, und bei der Lektüre dieses
Romans wird auch deutlich, warum: Nicht nur, daß ausgiebige
Sex-Szenen im Western eher ungewohnt sind; der Hauptgrund wird wohl
sein, daß diese Serien nicht gerade ein realistisches Portrait
des Wilden Westens anstreben. Was der Serienheld der Geschichte,
Marshal Jim Preston, im Bett und mit dem Colt für Wundertaten
vollbringt, qualifiziert diesen Roman eher für das
Superhelden-Genre: Keiner schießt schneller und kämpft
besser als er, und bei allen Frauen der Stadt hat Jim Preston als
Liebhaber einen legendären Ruf... (* Die reine SF also! Na,
dann ist diese Rezi hier doch vollkommen richtig... öhm...
Heike)
Kommen wir jetzt aber gleich mal zu dem, weswegen diese Serien gut
laufen und warum vermutlich die meisten Leute diese Rezension lesen:
die Sex-Szenen. (* Sabber, hechel... Heike) Davon gibt es
wirklich reichlich, und es ist erstaunlich, wie offenherzig man heute
in einem Heftroman damit umgehen darf, der vom "Beirat für
Jugendmedienschutz geprüft und zur Veröffentlichung
freigegeben" wurde. Hier wird wirklich kein Blatt vor den Mund
genommen, und sie unterscheiden sich in ihrer Offenheit nicht von
dem, was man in "normalen" Büchern findet. Für diese Szenen
gilt allerdings das eben gesagte: Auch hier wird keine realistische
Beschreibung zwischenmenschlicher Beziehungen angestrebt. Hier
regiert das Motto: Die Männer können immer und solange sie
wollen, und Frauen sind grundsätzlich willig und wollen nur das
eine. (* Sagte ich es nicht bereits? SF in Reinkultur...
Heike) Also genauso, wie sich das die männliche Zielgruppe
vorstellt, die selbst noch keine Erfahrungen gesammelt hat oder die
träumt, daß es so wie hier (und in bestimmten Ecken der
Videothek) auch in der Wirklichkeit sein sollte. Den Roman unter
pädagogischen Gesichtspunkten zu beleuchten, soll aber anderen
vorbehalten bleiben, da der Rezensent eine natürliche Aversion
gegen erhobene Zeigefinger hat.
Was den Roman aber selbst für einen Western-Ignoranten
erträglich und sogar recht unterhaltsam macht, ist, daß
der Autor durchaus das komische Potential des Stoffes erkannt hat und
nicht mit ausgiebigem Humor spart (schon die Einführungsszene in
dem titelgebenden Bordell ist ein echter Brüller). Bei vielen
Szenen, innerhalb und außerhalb der Betten, kam der Rezensent
nicht umhin, ausgiebig zu schmunzeln; ein großer Teil des
Unterhaltungswertes dieses Romans gründet sich darauf, auch wenn
man sich bei einigen Szenen gar nicht sicher ist, ob sie in der
Kategorie freiwilliger oder unfreiwilliger Humor zu verbuchen
sind.
Ein Beispiel: Ich hatte das Gefühl, daß der Autor sogar
die Sex-Szenen zur Charakterisierung seiner Protagonisten nutzt.
Sowohl der Held, Jim Preston, als auch der Bösewicht Rex Cameron
haben jeweils eine Szene, in der sie oral von einer Gespielin
befriedigt werden. Während der Held natürlich zuvorkommend
vorher Bescheid sagt, daß er gleich fertig ist, macht dies der
Schurke genauso natürlich nicht. Ob dieser Parallelität
mußte ich schmunzeln, aber ob sie vom Autor wirklich intendiert
war?
Natürlich erwartet man in so einem Roman keine absolut
realistischen Charakterisierungen, aber in einer Szene litt die
Glaubwürdigkeit doch erheblich: Der weißen Squaw des
Titels namens Natanora widerfährt Schreckliches: Ihr Bruder wird
vor ihren Augen brutal umgebracht und sie selbst von den Schergen Rex
Camerons in einen Stall gezerrt. Zwar kann Jim Preston in letzter
Sekunde nicht eine, aber immerhin eine Massenvergewaltigung
verhindern; trotzdem sollte man meinen, daß die Dame durch
diese Ereignisse doch seelisch schwer erschüttert ist.
Nichtsdestotrotz wirft sie sich sofort danach bereits Jim Preston um
den Hals und verführt ihn. Auch ohne ein Diplom in
Frauenpsychologie zu haben, kann man dieser Szene nur die
Gefolgschaft verweigern. (* Stimmt unzweideutig. Heike)
Dazu: Die Gesetzesauslegung scheint im wilden Westen noch etwas
anders gewesen zu sein als heute. Auch wenn Jim Preston der
Indianerin zur Hilfe kam, konnte er, wie gesagt, nicht verhindern,
daß zumindest ein Schurke sich an ihr vergeht. Trotzdem kommt
unser Marshal zu dem Schluß, daß hier nur eine versuchte
und nicht eine vollendete Vergewaltigung vorläge. (* Er
meinte wahrscheinlich sowas ähnliches wie 'einmal zählt
nicht'... Heike) Rätselhaft, aber genausowenig wie ein
pädagogisches wollen wir hier ein juristisches Gutachten
erstellen.
Was kann man insgesamt über den Roman sagen? Die Sprache ist
zwar nicht schön, aber immerhin ist der Roman flüssig und
routiniert geschrieben; die Handlung entwickelt sich in einem enormen
Tempo, und viele der Unzulänglichkeiten fängt der Autor mit
einer großen Portion Humor auf, so daß man es hier im
Rahmen eines Heftromans nicht mit einem schlechten Vertreter seiner
Gattung zu tun hat.
Fazit:
Durch eine Vielzahl von Action- und Sexszenen sehr temporeicher
Sex-Western, der seine vielen Schwächen wie eine
unzulängliche Sprache und eine klischeebeladene Handlung durch
eine gelungene Portion Humor wieder aufwiegt. Sicher nicht für
jedermann geeignet; Freunde dieses Genres dürfen aber einen
Blick riskieren. Im Rahmen der Heftromanwertung bedeutet dies
8 Punkte.