Walter Appel:

"Jim Preston und die heiße Squaw"

(Redlight Ranch - Band 18)

(64 Seiten, Bastei, Heftroman, EUR 1,35)
Homepage: http://www.bastei.de
Homepage des Autors: www.wabook.de

"Sein Glied war so groß wie sein Mut."

Bei solch kühnem Vergleich dürfte klar sein, daß wir hier einen Bastei-Sex-Western vor uns haben. (* Es sei denn, er war ein Feigling... Heike)

Da stellt sich natürlich die Frage: Wie kommt so etwas ins FLASH? Nun, der hier vorliegende Roman wurde von Walter Appel unter dem Pseudonym Earl Warren verfaßt, einem in fast allen Genres beheimateten Heftroman-Veteranen, der auch schon sehr viele phantastische Romane verfaßt hat, und damit qualifiziert sich der vorliegende Roman für eine FLASH-Rezension. Außerdem: Wer sonst bespricht solche Romane? Eben.

Die Handlung des vorliegenden Bandes ist schnell erzählt:
Eine Gruppe Indianer überfällt und massakriert eine Siedler-Familie. Frauenheld und U.S.-Marshal Jim Preston muß nun nicht nur die Mörder jagen, sondern auch dafür sorgen, daß die von (dem Serien-Bösewicht) Rex Cameron geschürten Spannungen zwischen Siedlern und Indianern sich nicht in Gewalttätigkeiten entladen.

An einen solchen Roman irgendwelche literarischen Maßstäbe anzulegen, hieße, die Zimmertemperatur mit dem Tachometer zu messen. Deshalb verzichten wir darauf und erwähnen nur der Vollständigkeit halber, daß Liebhaber von schöner Sprache in diesem Roman, vorsichtig ausgedrückt, eher nicht auf ihre Kosten kommen werden. Insbesondere die heftromantypische Verwendung von Verben dürfte bei Sprachästheten große Gefühle des Unwohlseins auslösen, wenn da der Pulverdampf "wölkt" und die "Knarren ballern". (* Wo! Fahlft Du alwo jetft meine Fahnartftreffnung? Muffte miff aufgrund diewer Beifpiele anläffliff ftarker Fahnfmertfen meinem Dentiften anvertrauen... Heike)

Liebhaber klassischer Westernserien rümpfen bei den Bastei-Sex-Western immer die Nase, und bei der Lektüre dieses Romans wird auch deutlich, warum: Nicht nur, daß ausgiebige Sex-Szenen im Western eher ungewohnt sind; der Hauptgrund wird wohl sein, daß diese Serien nicht gerade ein realistisches Portrait des Wilden Westens anstreben. Was der Serienheld der Geschichte, Marshal Jim Preston, im Bett und mit dem Colt für Wundertaten vollbringt, qualifiziert diesen Roman eher für das Superhelden-Genre: Keiner schießt schneller und kämpft besser als er, und bei allen Frauen der Stadt hat Jim Preston als Liebhaber einen legendären Ruf... (* Die reine SF also! Na, dann ist diese Rezi hier doch vollkommen richtig... öhm... Heike)

Kommen wir jetzt aber gleich mal zu dem, weswegen diese Serien gut laufen und warum vermutlich die meisten Leute diese Rezension lesen: die Sex-Szenen. (* Sabber, hechel... Heike) Davon gibt es wirklich reichlich, und es ist erstaunlich, wie offenherzig man heute in einem Heftroman damit umgehen darf, der vom "Beirat für Jugendmedienschutz geprüft und zur Veröffentlichung freigegeben" wurde. Hier wird wirklich kein Blatt vor den Mund genommen, und sie unterscheiden sich in ihrer Offenheit nicht von dem, was man in "normalen" Büchern findet. Für diese Szenen gilt allerdings das eben gesagte: Auch hier wird keine realistische Beschreibung zwischenmenschlicher Beziehungen angestrebt. Hier regiert das Motto: Die Männer können immer und solange sie wollen, und Frauen sind grundsätzlich willig und wollen nur das eine. (* Sagte ich es nicht bereits? SF in Reinkultur... Heike) Also genauso, wie sich das die männliche Zielgruppe vorstellt, die selbst noch keine Erfahrungen gesammelt hat oder die träumt, daß es so wie hier (und in bestimmten Ecken der Videothek) auch in der Wirklichkeit sein sollte. Den Roman unter pädagogischen Gesichtspunkten zu beleuchten, soll aber anderen vorbehalten bleiben, da der Rezensent eine natürliche Aversion gegen erhobene Zeigefinger hat.

Was den Roman aber selbst für einen Western-Ignoranten erträglich und sogar recht unterhaltsam macht, ist, daß der Autor durchaus das komische Potential des Stoffes erkannt hat und nicht mit ausgiebigem Humor spart (schon die Einführungsszene in dem titelgebenden Bordell ist ein echter Brüller). Bei vielen Szenen, innerhalb und außerhalb der Betten, kam der Rezensent nicht umhin, ausgiebig zu schmunzeln; ein großer Teil des Unterhaltungswertes dieses Romans gründet sich darauf, auch wenn man sich bei einigen Szenen gar nicht sicher ist, ob sie in der Kategorie freiwilliger oder unfreiwilliger Humor zu verbuchen sind.
Ein Beispiel: Ich hatte das Gefühl, daß der Autor sogar die Sex-Szenen zur Charakterisierung seiner Protagonisten nutzt. Sowohl der Held, Jim Preston, als auch der Bösewicht Rex Cameron haben jeweils eine Szene, in der sie oral von einer Gespielin befriedigt werden. Während der Held natürlich zuvorkommend vorher Bescheid sagt, daß er gleich fertig ist, macht dies der Schurke genauso natürlich nicht. Ob dieser Parallelität mußte ich schmunzeln, aber ob sie vom Autor wirklich intendiert war?

Natürlich erwartet man in so einem Roman keine absolut realistischen Charakterisierungen, aber in einer Szene litt die Glaubwürdigkeit doch erheblich: Der weißen Squaw des Titels namens Natanora widerfährt Schreckliches: Ihr Bruder wird vor ihren Augen brutal umgebracht und sie selbst von den Schergen Rex Camerons in einen Stall gezerrt. Zwar kann Jim Preston in letzter Sekunde nicht eine, aber immerhin eine Massenvergewaltigung verhindern; trotzdem sollte man meinen, daß die Dame durch diese Ereignisse doch seelisch schwer erschüttert ist. Nichtsdestotrotz wirft sie sich sofort danach bereits Jim Preston um den Hals und verführt ihn. Auch ohne ein Diplom in Frauenpsychologie zu haben, kann man dieser Szene nur die Gefolgschaft verweigern. (* Stimmt unzweideutig. Heike)
Dazu: Die Gesetzesauslegung scheint im wilden Westen noch etwas anders gewesen zu sein als heute. Auch wenn Jim Preston der Indianerin zur Hilfe kam, konnte er, wie gesagt, nicht verhindern, daß zumindest ein Schurke sich an ihr vergeht. Trotzdem kommt unser Marshal zu dem Schluß, daß hier nur eine versuchte und nicht eine vollendete Vergewaltigung vorläge. (* Er meinte wahrscheinlich sowas ähnliches wie 'einmal zählt nicht'... Heike) Rätselhaft, aber genausowenig wie ein pädagogisches wollen wir hier ein juristisches Gutachten erstellen.

Was kann man insgesamt über den Roman sagen? Die Sprache ist zwar nicht schön, aber immerhin ist der Roman flüssig und routiniert geschrieben; die Handlung entwickelt sich in einem enormen Tempo, und viele der Unzulänglichkeiten fängt der Autor mit einer großen Portion Humor auf, so daß man es hier im Rahmen eines Heftromans nicht mit einem schlechten Vertreter seiner Gattung zu tun hat.

Fazit:
Durch eine Vielzahl von Action- und Sexszenen sehr temporeicher Sex-Western, der seine vielen Schwächen wie eine unzulängliche Sprache und eine klischeebeladene Handlung durch eine gelungene Portion Humor wieder aufwiegt. Sicher nicht für jedermann geeignet; Freunde dieses Genres dürfen aber einen Blick riskieren. Im Rahmen der Heftromanwertung bedeutet dies
8 Punkte.

Oliver Naujoks

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