Findelkind
Isabeau wächst unter der Obhut ihrer Lehrmeisterin, Freundin und
Mentorin, der Hexe Meghan, in einem abgelegen, kaum zugänglichen
Tal im Schatten eines monumentalen Gipfels im Norden des Kontinents
Eileanan, der Drachenklaue, auf. Meghan lehrt sie den Umgang mit
Kräutern, die Sprache der Tiere und hilft ihr, ihre magischen
Fähigkeiten zu entwickeln und zu trainieren. Im Großen und
Ganzen führt Isabeau ein unbeschwertes Leben, frei von
Verantwortung. Außerhalb ihres idyllischen Tals fallen jedoch
zahlreiche Hexen und Zauberwesen einer massiven Verfolgung und
Pogromen zum Opfer. Diese Übergriffe hat Maya zu verantworten,
Gemahlin des Herrschers von Eileanan, deren Motive für diese
Vorgehen allerdings vorerst im unklaren bleiben.
An ihrem sechzehnten Geburtstag soll sich Isabeau einem
Initiationsritus unterziehen, der in Anwesenheit von mindestens vier
Hexen vollzogen werden muß. Den Kreis vervollständigen die
Hexen Seychella und Ishbel sowie der blinde Seher Jorge, die eigens
für dieses Fest die gefährliche Reise durch Eileanan auf
sich genommen haben. Kaum ist das Ritual vollendet, dringen die
Verderben und Tod verheißenden Roten Garden der Königin
Maya in das Tal ein. Sechella wird ermordet; dem Rest der kleinen
Gruppe gelingt die Flucht. Nachdem das Tal nunmehr keinen
ausreichenden Schutz vor Verfolgung bietet, machen sich die Hexen
auf, um ihre "Bestimmung" zu erfüllen. Ishbel flieht mit
unbekanntem Ziel. Meghan begibt sich auf die Suche nach den letzten
Drachen, um sich deren Hilfe im Kampf gegen Maya zu sichern, wobei
die Suche auch zu einer Reise in ihre und Isabeaus Vergangenheit
wird. Isabeau selbst bricht zusammen mit Jorge zum Palast des
Herrschers, dem Righ, auf, wo ihnen die alte Hexe Latifa weitere
wichtige Informationen für ihren Freiheitskampf geben soll.
Es ist nicht leicht, dieses Buch angemessen zu rezensieren, ohne sich
dem Vorwurf eines maskulinen Chauvinismus auszusetzen, denn der Roman
wurde unmißverständlich von einer Frau für Frauen
geschrieben. Für den Augenblick jedoch sollen die
geschlechtsspezifischen Aspekte unberücksichtigt bleiben und das
Augenmerk auf solch profane Dinge wie Spannungsbögen, Rhythmus,
Originalität der Geschichte und Charakterisierung der
Protagonisten gelegt werden.
Der erste große Abschnitt dient als eine Art Prolog lediglich
der Einführung der beiden Hauptpersonen Isabeau und Meghan.
Schon hier werden Dilemmata des Buches deutlich: Journalistin Forsyth
verzettelt sich in ihrem Bemühen, Atmosphäre zu erzwingen,
in allerlei Nebensächlichkeiten und - schlimmer noch - sie
ergießt ein Klischee nach dem anderen(!). Ein "fantasyphiler"
Leser wird auf jeder fünften Seite die vermeintliche Freude
eines Déjà-vu-Erlebnisses erfahren. Mit der Schilderung
des Initiationsrituals Isabeaus schwindet dann die Hoffnung des
Lesers auf ein innovatives Magiesystem und den Entwurf eines
originellen eileanan'schen Hexenbrauchtums und/oder
Gesellschaftssystems, um auch im folgenden nicht wiederzukehren.
"Down under" nichts neues...
Es kommt, wie es kommen muß: Am Ende dieses Abschnittes
verfällt die Autorin in eine unangemessene Hast, die Ereignisse
überschlagen sich in einer konstruiert wirkendenden,
unplausiblen Eruption von überflüssiger Gewalt, und trotz
alledem bleiben Isabeau und Meghan dem Leser hinsichtlich ihrer
Motive, Beziehung(en) und ihrer Vergangenheit fast ebenso fremd wie
zu Beginn des Buches.
Der zweite Teil, "Das Spinnrad dreht sich", spiegelt das anfangs
gemächliche Tempo des ersten Teils wider, verspricht aber
zumindest etwas mehr Spannung und einen höheren
Informationsgehalt, allein schon wegen Konzentration auf jeweils nur
eine Hauptperson - zuerst Meghan (und Khan'derin), später
Isabeau - und die relativ naturalistischen und anschaulichen
Schilderungen "umweltbedinger Widrigkeiten". Dann jedoch entwickelt
sich die Story so "soapy", daß sich auch der weniger
anspruchsvolle Leser unwillkürlich an den Kopf faßt: Die
eindimensionale Charakterisierungen von Isabeaus Schwester und der
Drachen sowie die Art und Weise, wie Meghan die Sympathie der an sich
feindlich gesonnenen Reptilien gewinnt, scheint direkt aus der
Mottenkiste trivialster Fantasy geklaubt. Isabeaus Quest - im letzten
Drittel des Romans erzählt - birgt insofern eine gewisse
Grundspannung, als sich die Hexe erstens in die Höhle des
Löwen wagen und zweitens dabei ihre Fähigkeiten verbergen
muß. Die Personen, denen sie auf ihrer Reise begegnet - die
Baumtauscherin Lilanthe und die Hexe Manissia - sind potentiell
starke Charaktere, würde Forsyth nur etwas mehr Zeit auf ihre
Zeichnung verwenden.
Leider endet auch der zweite Teil des Romans und damit das gesamte
Buch in einem Ausbruch von Brutalität, einem "Cliffhanger"
(siehe Stichwort "soapy" bzw. "Soap-Opera"), wie er dreister und
unverschämter kaum sein könnte: Iseabeau auf der
Folterbank, ihrem Peiniger schutzlos ausgeliefert.
Spätestens an dieser Stelle sollte der Leser die wahre
Motivation der Autorin erkennen: Nicht das Erzählen einer
originellen Geschichte aus einer schriftstellerischen Berufung heraus
steht im Vordergrund, sondern der schnöde Mammon. Ein weiteres
Indiz für diese These ist die Tatsache, daß der Leser im
Lauf der Handlung mit einer Vielzahl von Fakten und Rätseln
bombardiert wird, ohne daß sich die Autorin befleißigt,
auch nur den geringsten Teil davon zu erläutern oder gar zu
lösen. Man merkt deutlich: Hier sollen die Leser bei der Stange
gehalten werden. In diesem Sinne muß man auch die deplaziert
wirkenden Gewaltdarstellungen, die sich so gar nicht in das
Gesamtbild des Buches einfügen wollen, als ein Zugeständnis
an den männlichen Teil der Leserinnen werten, nach dem Motto:
Kauft, Leute, kauft! Für jeden was dabei! Und das Schönste:
Für den Leser ist Isabeau immer noch nicht viel mehr als
rothaarig und Meghan nur "ziemlich" alt...
Zurück zu dem am Beginn der Bewertung angesprochenen
Geschlechterproblem. Um es sehr(!) überspitzt zu formulieren:
Dieses Buch hat mich in meinem Vorurteil bestätigt, daß
Frauen-Fantasy - nicht Fantasy von, sondern für Frauen -
"richtigen" Männern nichts bieten kann. Wir wollen Kampfmagie,
riesige Schlachten, monströse Kreaturen, blutigste Gemetzel,
Weltenbrand oder - alternativ und wenn es unbedingt sein muß -
originelle Stories. Auf honigsüßes, weichspülzartes
Gelaber irgendwelcher Gutmenschen mit netten Tieren, die Probleme der
Hautpflege mittels Duftseifen, ?tinkturen und -wässerchen
lösen, esoterisch verquastes Hexengebrabbel und erst recht
weibliche Krieger mit kurz geschorenen Haaren können wir gut
verzichten... und daß Hexer als männliche Hexen bezeichnet
werden, ist fast schon diskriminierend. (* Selten so gelacht...
:-))) Heike)
Schwerwiegendere Indizien für die These "Frauen-Fantasy"? Bitte
sehr: Sämtliche agierenden Helden sind Heldinnen, also Weiber
(* Na, na! "Damen" heißt das! <Heike kriegt gerade den
nächsten Lachanfall> Heike); Töchter, Mütter,
Tanten, Schwestern, wo man hinliest. Jeder der auftretenden
Männer ist mit mindestens einem offensichtlichen Makel behaftet:
alt, blind, debil, unfreundlich, sadistisch oder tot. (* Was, das
ist keine Tatsache??? (Ich lach mich gleich tot, echt...) ;-)
Heike) Das vermittelte Hexenbild entspricht dem moderner
Wikka-Kultistinnen im Maßstab 1:1. (* Nee, bei so einem
Hexenbild sollte es sich um sehr extreme Kultistinnen halten, die
wohl eher nicht als beispielhaft gelten können. Heike) Gut
recherchiert, Frau Journalistin Forsyth! Nur leider nicht sehr
originell und neu!
Dennoch handelt es sich nicht um ein feministisches Buch, denn die
Protagonistinnen agieren und kämpfen wie Männer mit
weiblicher Endung. Sie instrumentalisieren ihre Kräfte und
Fähigkeiten, die Natur und insbesondere andere Lebewesen in
geradezu maskulin-technokratischer Weise, auch wenn das eine oder
andere Mitleids-Tränchen fließen sollte. Einklang mit der
Natur nur, solange es nützt...
Abschließend noch zwei Dinge: Erstens bleibt mir der deutsche
Titel ein Rätsel, da weder die Hexentürme noch ein
magischer Schlüssel in diesem Stadium des Zyklus von geringster
Bedeutung für die Handlung sind; und zweitens etwas
Versöhnlicheres zum Schluß: Ein umfangreiches Glossar und
zwei Landkarten werten das Buch durchaus auf. Ich bin jedoch ein
mäkeliger Typ, und daher fehlt mir die lautschriftliche
Darstellung der ans gälische angelehnten Namen und Begriffe,
denn (im Gegensatz zu mir *grins*) dürfte der Ottonormalleser
keine Vorstellung von der korrekten Aussprache dieser Wörter
haben. (* Das macht ihm/ihr aber auch nicht allzuviel aus, denn
dann deutscht er/sie sie ein... ;-) Heike)
Fazit:
Ein betuliches Geschichtchen, das das Genre alles andere als
revolutioniert, anspruchslosen Frauen und "Männern" jedoch
gefallen könnte. Actionfixierte oder an Originalität
interessierte Leser sollten lieber auf die Lektüre
verzichten.
7 Punkte