Wilfried A. Hary:

"Die Colin Drake-Bruderschaft"

(Caine – Der dunkle Prophet 3)
(63 Seiten, Taschenheft, Basilisk, ISBN 3-935706-09-X, € 6)
Homepage: www.basilisk-verlag.de
Homepage des Autors: www.harypro.de

Es geht weiter mit Caine, der noch recht neuen Dark Fantasy-Serie aus dem Basilisk-Verlag.

In diesem Band wird, wie der Titel schon andeutet, die Colin Drake-Bruderschaft näher beleuchtet, die sich neben den Aganoi und den Dunkelelfen heimlich zum dritten großen Machtfaktor auf der Erde entwickelt hat und deren Ziel es ist, die vorgenannten außerirdischen Rassen zu bekämpfen. Der Roman beschreibt den Werdegang ihres Gründers, Colin Drake.
In einer Nebenhandlung treibt ein mordlüsterner Dämon sein Unwesen, und unser Held Caine erhält den Auftrag, diesen auszuschalten...

Fangen wir mit zwei Zitaten an.

Das eine stammt aus meiner Rezension zum ersten Band der Serie Caine:
"(...)und läßt den Leser hoffen, einmal eine Geschichte abseits der üblichen Bahnen zu erleben."

Das zweite stammt aus dem hier zu besprechenden Roman und findet sich auf Seite 59:
"’Eine Art ... Monsterjäger?’, wunderte sich der Fragende von vorhin.
‚So eine Art, ja – wenn man so will!’ bestätigte Linda Watkins, um weiteren Fragen vorzubeugen."

Ich muß gestehen, daß ich enttäuscht war.
Denn es deutet sich an, daß Caine sich nicht, wie ich mir erhofft hatte, abseits der üblichen Bahnen des Genres entwickeln wird, sondern sich nur als eine weitere handelsübliche Gruselserie entpuppt. Ich hoffe einmal, daß dieser Roman in der Hinsicht eine Ausnahme darstellt; es wäre einfach zu schade, wenn man das im ersten Band angedeutete, düstere Potential verschenken würde und dem Leser nur einen weiteren Geister-/Monster-/Dämonenjäger vorsetzt, der in jeder Folge eines der eben genannten Geschöpfe zur Strecke bringen muß.

Und so zerfällt der Roman dann auch deutlich in zwei Teile. Die Stellen, an denen der Werdegang von Colin Drake erzählt wird, sind durchaus interessant; die Handlung um Caine in diesem Band liest sich aber wie ein ganz normaler Gruselroman, und wer davon schon so einige gelesen hat, wird hier nichts Neues finden und sich demzufolge etwas langweilen. Man wird mangels Originalität in diesen Passagen zum Weiterblättern (was ein Rezensent leider nicht darf) animiert, um wieder die andere Handlung verfolgen zu können.

Aber noch einmal zurück zu Colin Drake. Weltumspannende Geheimorganisationen machen immer wieder Spaß, und ich hätte mir sehr gewünscht, davon noch mehr zu lesen. So erfährt man beispielsweise, daß Colin Drake der reichste Mann der Welt ist und seine Organisation Stück für Stück aufgebaut hat. All dieses wird aber nur kurz angerissen, obwohl zumindest ich gerade solche "Aufbauphasen" immer höchst ansprechend und als Lektüre vergnüglich finde. Hier drängt sich natürlich ein Vergleich mit Andreas Eschbachs "Eine Billion Dollar" auf, wo dieses ausführlich geschildert wird, aber wir wollen nicht unfair sein: Eschbach hatte dafür 700 Seiten Platz, Wilfried Hary nur ungefähr die Hälfte bis zwei Drittel von 63 Seiten.

Was gibt es sonst noch inhaltlich anzumerken?
Nun, die Actionszenen wurden gegenüber dem zweiten Band etwas spärlicher eingesetzt (was ich als positiv und nicht negativ empfand), die Zeichnung der Colin-Drake Agentin Linda Watkins geriet deutlich unsympathischer und distanzierter als noch im Band davor (wo ich schon fast gedacht hatte, aus ihr und Caine wird einmal ein Paar), und die in Kapitälchen gesetzten, sich ständig wiederholenden und im Kreise drehenden und dadurch von mir als nervig empfundenen Dialoge zwischen Caine und dem in seinem Amulett wohnenden Mörder Cartan kommen zwar weniger vor als noch in Band 2, aber für meinen Geschmack immer noch zu reichlich.

Nicht wertend möchte ich noch berichten, daß als Auslöser für die Gründung der titelgebenden Bruderschaft das Attentat auf das World Trade Center genommen wurde. Die Frau und die Tochter von Colin Drake saßen in einer der Unglücksmaschinen. Mich hat das nicht so gestört - ich war eher erstaunt, wie schnell die Serie auf aktuelle Ereignisse Bezug nimmt - andere Leser könnten es aber als geschmacklos empfinden, deshalb erwähne ich es hier.

Erstaunt war ich über den Stil des Romans, den ich als ausgesprochen holprig charakterisieren möchte. Das fängt damit an, daß der Band von Anfang bis Ende von Wortwiederholungen übersät ist; wenn man auf ein Subjekt zweimal in einem Satz Bezug nimmt, ersetzt man es doch beim zweiten Mal durch ein Personalpronomen, oder nicht? Jedenfalls nicht so in diesem Band (auf Seite 35 findet man sogar in einer Zeile, die nur aus fünf Wörtern besteht, zweimal das Wort "Fahrstuhl" im selben Satz!). Selbiges gilt auch für Verben; als ich zum dritten Mal in einer Szene das sowieso schreckliche Wort "niedermähen" vorfand, begann ich langsam Unwillen zu spüren, den Roman weiterzulesen. (* Kann ich verstehen – ich muß mir dann immer so 'ne Horde Schafe vorstellen, die einen niederMÄHen... ;-) Heike)
Mag sein, daß mir das alles als kleinkariert ausgelegt wird, aber wenn es den ganzen Roman über immer wieder auftaucht, stört es mein Lesevergnügen erheblich.
Fernerhin fand ich auch mein Haß-Wort "MPi" (siehe Rezi zu Caine 2 zum Thema Haß-Worte) wieder vor, diesmal aber in einem Zusammenhang, der mich versöhnlich stimmte: Der Autor schreibt an einer Stelle: "Es war eine MPi Uzzi". Was ist eine "Uzzi"? Hier gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder hatte der Verlag an dieser Stelle die (unbegründete) Sorge, daß sie von dem israelischen Hersteller die Verwendung des Markennamens "Uzi" untersagt bekommen, oder wir haben hier ein wahrlich köstliches Beispiel unfreiwilligen Humors vor uns. Nicht mehr lachen konnte ich aber, als ich auf das Wort "einzigsten" stieß. Diese furchtbare Unsitte, ja Sprachunzulänglichkeit, hat in einem professionellen Produkt nichts zu suchen.
Schließlich sind auch zu viele Sätze so ungelenk formuliert, daß man sie zweimal lesen muß. Ich freue mich ja, wenn mich ein Roman zum Mitdenken anregt, aber nicht aus diesem Anlaß! Anstelle vieler Beispiele (wie sonst üblich) möchte ich diesmal nur ein Zitat bringen, das die von mir geschilderten Unzulänglichkeiten in besonders krasser Weise illustriert.

Auf Seite 37 lesen wir:
"Was für ein Glück, dass er längst nicht mehr das war, was man einen normalen Menschen nennen konnte – ausnahmsweise ein Glück! Wenn er das sowieso jemals gewesen war – immerhin als einer, der seinen Lebensunterhalt mit dem Umbringen von Menschen verdient hatte."

Gut, das mit dem zweifachen "Glück" war sicherlich nur ein Lapsus; dieser hätte aber dem Lektorat auffallen müssen, genauso wie die Tatsache, daß der zweite Satz in diesem Beispiel niemals hätte in Druck gehen dürfen, dessen Rhythmus, vorsichtig ausgedrückt, nicht gerade sehr elegant ist.
Da dies wahrlich nicht der erste Roman von Wilfried A. Hary war, den ich gelesen habe, weshalb ich weiß, daß er es besser kann, habe ich mich über die im Übermaß vorhandenen stilistischen Schwächen sehr gewundert.
Nach dem zweiten Band hatte ich auf eine Steigerung gehofft; leider ist, zumindest für mich, das Gegenteil eingetreten. Na ja, immerhin liest sich die Vorschau auf Band 4 recht vielversprechend (dieser Band wird übrigens von Herausgeber Patrick J. Grieser verfaßt), so daß ich die Serie erst mal weiterverfolgen werde.

Fazit:
Enttäuschender dritter Band der Serie "Caine", der in Teilen viel zu sehr in gewöhnlichen Bahnen verläuft und damit die im ersten Band geschürten, hohen Erwartungen auf eine düstere, ungewöhnliche Serie enttäuscht. Stilistisch äußerst holprig, wegen einiger interessanter Passagen aber kein Totalausfall und deshalb noch:
4 Punkte

Oliver Naujoks

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