Alfred Bekker:

"Morettis Todesengel"

(Caine - Der dunkle Propher - Band 2)
(60 Seiten, Taschenheft, Basilisk, ISBN 3-935706-06-5, € 6)
Homepage: www.basilisk-verlag.de
- erschienen: April 2002 -

Es geht weiter mit Caine, der noch recht neuen Dark Fantasy-Serie aus dem Basilisk-Verlag.

Wir erinnern uns: Im ersten Band wurde der Mörder Caine verurteilt und hingerichtet, nur um kurzer Zeit später wieder zum Leben erweckt zu werden - von Dunkelelfen, die schon seit Äonen auf der Erde weilen und in einen erbitterten Konflikt mit dem Volk der Aganoi verwickelt sind. Caine bekommt das Bewußtsein eines noch viel schlimmeren Mörders eingepflanzt, als er selbst einer war, und soll in Zukunft für die Dunkelelfen "Aufträge erledigen", sprich: Morde begehen. Darum geht es nun in diesem zweiten Band, in welchem Caine den italienischen Gangsterboß Moretti töten soll, der mit den Aganoi im Bunde ist. Fernerhin zieht im Hintergrund noch eine geheimnisvolle Organisation namens "Colin Drake-Bruderschaft" ihre Fäden.

Zunächst möchte ich einmal ein Versäumnis bei der Rezension von Caine 1 nachholen und auf die Aufmachung dieser Serie hinweisen. Der oben gebrauchte Ausdruck "Taschenheft" trifft es nicht so genau; ein Kollege bezeichnete diese Publikationsform als "Taschenpaperbackheft", ein schreckliches Ungetüm von einem Wort, aber es trifft den Kern.
Die beiden neuen Serien (neben "Caine" noch die "Chroniken des Blutes") aus dem Basilisk-Verlag erscheinen in einem übergroßen A5-Format und können mit schöner Verarbeitung, gutem Papier und jeweils sehr gelungen gestalteten Covern die Herzen bibliophiler Leser durchaus für sich einnehmen, weswegen ich auch denke, daß sich ein Preisvergleich mit einem "normalen" Romanheft verbietet.
Nun aber zurück zum zweiten Band der Serie Caine. Leider konnte ich keine Steigerung gegenüber dem Vorgänger feststellen, sondern eher einen Rückschritt.
Das hat zwei wesentliche Gründe:
Zum einen ist der Band stilistisch deutlich anders und schwächer als sein Vorgänger. Vielleicht, um sich dem Gangstermilieu des Romans anzupassen, verfällt der Autor über weite Strecken des Bandes in eine sehr schnodderige und einfach schlechte Sprache, in der die Maschinenpistolen "knattern", über Tische "gelangt" wird, jemand "meckernd" lacht oder von einem "Uzi-Mann" die Rede ist.
Auch wenn man gerade in Action-Szenen ruhig in eine etwas bildhaftere Sprache verfallen darf, finde zumindest ich Absätze wie den folgenden äußerst unschön, den ich, weil ich mich über ihn geärgert habe, hier einmal beispielhaft zitieren und besprechen möchte (S.23 unten):

"Das Projektil des 45er fetzte dem Chinesen durch die Stirn.
Die Wucht des Aufpralls ließ ihn nach hinten springen.
Der durch seinen Todeskrampf verursachte Schuß aus der Beretta des Zopfträgers ging ungezielt in die Decke und fetzte dabei ein daumengroßes Stück aus einem Holzbalken heraus. Der Chinese knallte regelrecht auf den Boden."

Wenn ich Lektor dieses Bandes gewesen wäre, hätte ich sicherlich folgendes angestrichen: Das Wort "fetzte", das man eigentlich sowieso nicht verwenden sollte, kommt nicht bloß ein-, sondern gleich zweimal in dieser Szene vor. Im Zusammenhang mit einem Kugeleinschlag das Wort "springen" zu verwenden, entwirft ein unscharfes Bild, weil man dabei doch nicht "aktiv" handelt, sondern getroffen wird und somit "passiv" zurückfällt oder geworfen wird. Und "knallte regelrecht" ist ein furchtbares Deutsch.
Fernerhin kommen in diesem Band zwei Worte vor, die für mich ein absolut rotes Tuch sind und bei mir jedesmal für größeres Unwohlsein und mittlere bis heftige Wutanfälle sorgen. Diese beiden Worte benutzt niemand in Deutschland; nur in einem Biotop bei einem führenden Heftromanverlag in Bergisch Gladbach wird ihnen seit Jahrzehnten Artenschutz gewährt. Das eine Wort ist (ich schaffe es kaum, es zu schreiben, ohne daß meine Hände zittern) "Mpi" mit kleinem "i" am Ende, und das andere Wort ist der "Combat-Anschlag". Hatte der Autor vergessen, oder hatte ihm niemand gesagt, daß er für den Basilisk-Verlag schreibt und eben nicht für jenen führenden Heftromanverlag aus Bergisch Gladbach? Bitte, bitte, diese beiden Worte nie wieder verwenden! Mag ja sein, daß man sich Rechtfertigungen für diese beiden Worte zusammenkonstruieren kann; dann sei aber zumindest angemerkt, daß sie ein wirklich ganz, ganz fürchterliches Deutsch sind!
Des weiteren finden sich auch noch einige sprachliche Ungenauigkeiten, die einem bei flüchtiger Lektüre gar nicht auffallen würden - beispielsweise, wenn die Rede davon ist, daß etwas "unsere Möglichkeiten überschreitet" statt sie "übersteigt".
All das wäre gar nicht so schlimm, wenn wir nicht aus dem ersten Band besseres gewohnt wären und die häßliche Sprache sich nicht so im Widerstreit mit der schönen Aufmachung des Bandes befinden würde.
Zum anderen korrespondiert mit der Sprache leider auch etwas der Inhalt. War der erste Band anfänglich noch ein Kriminalroman, der immer mehr in eine phantastische Erzählung umschlug, stellt dieser Band lediglich einen durchgängigen Jerry Cotton-Krimi mit einem geringen phantastischen Überbau dar. Dies äußert sich darin, daß man die üblichen aus Cotton-Romanen bekannten Klischees von chinesischen und italienischen Gangstern präsentiert bekommt und dadurch als Leser an manchen Stellen aus den Augen verliert, einen phantastischen Roman zu lesen, auch wenn die phantastischen Elemente immer noch reichlich vorhanden sind.
An dieser Stelle möchte ich die Gelegenheit nutzen und dem Team von Caine zurufen, sich insbesondere bei den Szenen zwischen Caine und dem in ihm "wohnenden" Mörder Cartan etwas zurückzuhalten. Der Inhalt dieser Szenen wiederholt sich zu stark (die ständigen Anweisungen Cartans an Caine, seine Macht kennenzulernen, zu benutzen und zu verbessern), und vor allem wird in ihnen in viel zu hohem Maß mit Kapitälchen gearbeitet, ein unschönes und schlecht lesbares Stilmittel.
Trotz alledem ist dieser Roman alles andere als schlecht. Die Handlungselemente sind nach wie vor vielversprechend; insbesondere die geheimnisvolle Colin Drake-Bruderschaft, die dem Roman mit Linda Watkins einen interessanten und vielversprechenden Charakter beschert, hält das Interesse beständig wach, ebenso wie die ungewöhnliche Perspektive aus der Sicht eines Mörders.
Fernerhin ist der Roman temporeich und kurzweilig und läßt sich sehr zügig durchlesen. Hier merkt man, daß mit Alfred Bekker (unter dem Pseudonym Brian Carisi) durchaus ein Routinier am Werk war.
Damit bleibt unter dem Strich eine nach wie vor sehr interessante Serie, die ich trotz der oben beschriebenen Widrigkeiten auf jeden Fall gerne weiterverfolgen werde.

Fazit:
Temporeicher und kurzweiliger Roman aus der interessanten Serie "Caine". Durch ein Übermaß an stilistischen Schwächen zwar unter dem Niveau des Vorgängerbandes, aber auch immer noch lesenswert.
7 Punkte

Oliver Naujoks

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