Nachdem das
Experiment mit einer neuen Serie ("Caine - der dunkle Prophet")
für den Basilisk-Verlag offensichtlich aufgegangen ist, wird nun
eine zweite Serie in gleicher Aufmachung gestartet, die diesmal im
Horror-Genre beheimatet ist.
Der Roman besteht aus vielen Handlungsebenen, die nur einmal kurz
angerissen werden sollen: In einem Mädcheninternat geschehen
seltsame Morde, zu dessen Aufklärung ein Inspektor von Scotland
Yard eingeschaltet wird; ein gewissenloser Arzt namens Dr. Morris
begeht schreckliche Experimente an Menschen, und in einer
Vergangenheitsepisode wird dann vom Schicksal einer
Dämonenfamilie erzählt, die sich mehrfach auch
berühmter Personen der Geschichte bemächtigt hat und zu
ihren grausamen Orgien illustre Gäste wie die heilige Johanna
einlädt...
Fangen wir gleich mit den verschiedenen Handlungsebenen an. Der Roman
wirkt etwas überfrachtet und breitet vor dem Leser eine sehr
große Anzahl an verschiedenen Handlungsebenen aus: Das
Internat, der Inspektor, die Machenschaften in der Klinik, die
Vergangenheitsgeschichte. Wer geradlinige Handlungen bevorzugt, wird
sich hier etwas verloren fühlen; mir hat die große
Abwechslung aber sehr zugesagt. Man darf auch nicht vergessen,
daß es sich hierbei um den Auftaktband einer langfristig
geplanten Serie handelt und man hier das Fundament präsentiert
bekommt.
Schön gelungen sind die atmosphärischen Beschreibungen, die
die Orte und Personen vor den Augen des Lesers entstehen lassen; im
Internat denkt man unwillkürlich an Edgar Wallace (auch wenn es
dort züchtiger zuging) und in der Klinik von Dr. Morris an
einschlägige Mad Scientists.
Nun wollen wir aber mal innehalten und das Kind beim Namen nennen:
Bei Dämonensippen und Vergangenheitsabenteuern denkt man
natürlich sofort an den "Dämonenkiller"; der
pseudo-christliche Überbau erinnert an "Vampira", und bei einem
wahnsinnigen Arzt, der Menschenexperimente durchführt, ruft man
"Dr. Morton". (* Na, wenn der doch auch gleich noch 'Morris'
heißt... nur drei Buchstaben Unterschied - wie soll man da noch
auf eine andere Idee kommen? Heike) Und aus all diesen Serien
bedienen sich die "Chroniken" auch. Dabei wurde aber keinesfalls
einfach abgeschrieben, sondern durchaus etwas Eigenständiges,
Neues geschaffen, das sich zum einen "modern" liest, zum anderen aber
durchaus nostalgische Gefühle an die eben genannten Klassiker
aus den 70iger und 90iger Jahren weckt; eine gelungene Mixtur.
Dadurch entsteht auch ein reizvolles Nebeneinander verschiedener
Grusel-Stilrichtungen: Die Szenen im Internat erinnern an einen
übersinnlichen Krimi, die Dämonenszenen haben einen starken
Fantasy-Einschlag, und in der Klinik kommt dann das "Mad
Scientist"-Genre zum Zuge.
Nicht unerwähnt darf bleiben, daß diese Serie in den
Punkten Sex und Gewalt deutlich über das hinausgeht, was man
ansonsten in einschlägigen Gruselserien liest. Hier wird kein
Blatt vor den Mund genommen, und für empfindsamere Gemüter
sind einige dieser Szenen nur bedingt geeignet. Amüsiert zur
Kenntnis genommen habe ich, daß ausgerechnet die inzwischen
heilig gesprochene Jungfrau von Orleans als Protagonistin für
eine doch recht deutliche Sex-Szene verwendet wird. Das ist zwar
nicht neu (ich erinnere an Kazantzakis Roman "Die letzte Versuchung
Christi"), ich fand es aber trotzdem originell und gelungen. Besorgte
Jugendschützer und andere Besorgnis heischende Personen
dürfen aber ihre Sicheln und Fackeln im Schrank lassen: So
deftig wie in vielem, was unter dem Ettikett "Horror" im Hardcover
und Taschenbuch verkauft wird, geht es in den "Chroniken" nun doch
nicht zu.
Im Vergleich zu der parallelen Serie "Caine" aus dem Basilisk-Verlag
muß ich sagen, daß mir dieser Auftaktband sogar noch
besser gefallen hat: Spannung, Atmosphäre und Tempo, was will
man mehr?
Ein abschließender Rüffel in Richtung des Lektorats
muß aber noch sein: Der Assistent von Dr. Morris wechselt
mehrmals im Roman seinen Namen von Stone zu Grimsby. (So hieß
damals der Handlanger von Dr. Morton - Nachtigall, ick hör
Dir...) Ist das niemandem aufgefallen? (* Anscheinend nicht...
;-))) Heike)
Fazit:
Temporeicher, atmosphärischer, wenn auch etwas
überfrachteter Auftaktband einer neuen Horrorserie, die Elemente
aus den Serien "Dämonenkiller", "Vampira" und dem
berüchtigten Klassiker "Dr. Morton" aufgreift, zu einem neuen
Ganzen fügt und spannend unterhält.
12 Punkte