Alfred Wallon & Bernd Götz:

"Die lautlosen Henker"

(Chroniken den Blutes - Band 1)
(79 Seiten, Taschenheft, Basilisk Verlag, ISBN 3-935706-08-1, € 6)
Homepage: www.basilisk-verlag.de
- erschienen: April 2002 -

Nachdem das Experiment mit einer neuen Serie ("Caine - der dunkle Prophet") für den Basilisk-Verlag offensichtlich aufgegangen ist, wird nun eine zweite Serie in gleicher Aufmachung gestartet, die diesmal im Horror-Genre beheimatet ist.

Der Roman besteht aus vielen Handlungsebenen, die nur einmal kurz angerissen werden sollen: In einem Mädcheninternat geschehen seltsame Morde, zu dessen Aufklärung ein Inspektor von Scotland Yard eingeschaltet wird; ein gewissenloser Arzt namens Dr. Morris begeht schreckliche Experimente an Menschen, und in einer Vergangenheitsepisode wird dann vom Schicksal einer Dämonenfamilie erzählt, die sich mehrfach auch berühmter Personen der Geschichte bemächtigt hat und zu ihren grausamen Orgien illustre Gäste wie die heilige Johanna einlädt...

Fangen wir gleich mit den verschiedenen Handlungsebenen an. Der Roman wirkt etwas überfrachtet und breitet vor dem Leser eine sehr große Anzahl an verschiedenen Handlungsebenen aus: Das Internat, der Inspektor, die Machenschaften in der Klinik, die Vergangenheitsgeschichte. Wer geradlinige Handlungen bevorzugt, wird sich hier etwas verloren fühlen; mir hat die große Abwechslung aber sehr zugesagt. Man darf auch nicht vergessen, daß es sich hierbei um den Auftaktband einer langfristig geplanten Serie handelt und man hier das Fundament präsentiert bekommt.
Schön gelungen sind die atmosphärischen Beschreibungen, die die Orte und Personen vor den Augen des Lesers entstehen lassen; im Internat denkt man unwillkürlich an Edgar Wallace (auch wenn es dort züchtiger zuging) und in der Klinik von Dr. Morris an einschlägige Mad Scientists.
Nun wollen wir aber mal innehalten und das Kind beim Namen nennen: Bei Dämonensippen und Vergangenheitsabenteuern denkt man natürlich sofort an den "Dämonenkiller"; der pseudo-christliche Überbau erinnert an "Vampira", und bei einem wahnsinnigen Arzt, der Menschenexperimente durchführt, ruft man "Dr. Morton". (* Na, wenn der doch auch gleich noch 'Morris' heißt... nur drei Buchstaben Unterschied - wie soll man da noch auf eine andere Idee kommen? Heike) Und aus all diesen Serien bedienen sich die "Chroniken" auch. Dabei wurde aber keinesfalls einfach abgeschrieben, sondern durchaus etwas Eigenständiges, Neues geschaffen, das sich zum einen "modern" liest, zum anderen aber durchaus nostalgische Gefühle an die eben genannten Klassiker aus den 70iger und 90iger Jahren weckt; eine gelungene Mixtur.
Dadurch entsteht auch ein reizvolles Nebeneinander verschiedener Grusel-Stilrichtungen: Die Szenen im Internat erinnern an einen übersinnlichen Krimi, die Dämonenszenen haben einen starken Fantasy-Einschlag, und in der Klinik kommt dann das "Mad Scientist"-Genre zum Zuge.
Nicht unerwähnt darf bleiben, daß diese Serie in den Punkten Sex und Gewalt deutlich über das hinausgeht, was man ansonsten in einschlägigen Gruselserien liest. Hier wird kein Blatt vor den Mund genommen, und für empfindsamere Gemüter sind einige dieser Szenen nur bedingt geeignet. Amüsiert zur Kenntnis genommen habe ich, daß ausgerechnet die inzwischen heilig gesprochene Jungfrau von Orleans als Protagonistin für eine doch recht deutliche Sex-Szene verwendet wird. Das ist zwar nicht neu (ich erinnere an Kazantzakis Roman "Die letzte Versuchung Christi"), ich fand es aber trotzdem originell und gelungen. Besorgte Jugendschützer und andere Besorgnis heischende Personen dürfen aber ihre Sicheln und Fackeln im Schrank lassen: So deftig wie in vielem, was unter dem Ettikett "Horror" im Hardcover und Taschenbuch verkauft wird, geht es in den "Chroniken" nun doch nicht zu.
Im Vergleich zu der parallelen Serie "Caine" aus dem Basilisk-Verlag muß ich sagen, daß mir dieser Auftaktband sogar noch besser gefallen hat: Spannung, Atmosphäre und Tempo, was will man mehr?
Ein abschließender Rüffel in Richtung des Lektorats muß aber noch sein: Der Assistent von Dr. Morris wechselt mehrmals im Roman seinen Namen von Stone zu Grimsby. (So hieß damals der Handlanger von Dr. Morton - Nachtigall, ick hör Dir...) Ist das niemandem aufgefallen? (* Anscheinend nicht... ;-))) Heike)

Fazit:
Temporeicher, atmosphärischer, wenn auch etwas überfrachteter Auftaktband einer neuen Horrorserie, die Elemente aus den Serien "Dämonenkiller", "Vampira" und dem berüchtigten Klassiker "Dr. Morton" aufgreift, zu einem neuen Ganzen fügt und spannend unterhält.
12 Punkte

Oliver Naujoks

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