Unsere vier Anfänger werden anscheinend gleich bei ihrem
ersten Run gegen die Berliner Aztech-Dependance von ihrem
Auftraggeber, dem Schieber "Tommy der Fuchs", gewaltig verladen. Als
ein konkurrierendes Team aus dem Nichts auftaucht und die Azzis einen
ziemlich vorgewarnten Eindruck machen, gelingt es den
(dilettantischen) Vier gerade so eben, wenigstens ihren Arsch zu
retten. Nachdem dieser Run so gründlich in die Hose gegangen
ist, finden sie sich auf einmal auf Tommys Abschußliste wieder
(von wegen der Anzahlung und so...), und auch die Azzis haben noch
ein Hühnchen mit den Möchtegern-Runnern zu rupfen. Weil sie
aber wahre Helden sind, beschließen sie, herauszufinden, was da
so gründlich schiefgelaufen ist, und vor allem warum.
Anderer Ort, gleiche Stadt: Der völlig paranoide und ziemlich
heruntergekommene Magier Moonwish und sein - nicht ganz freiwilliger
- Chummer Phönix gelangen in den Besitz des zweiten Teils eines
revolutionären Chip-Prototyps, der, sollte er auf den "Markt"
kommen, die gesamte Konzernwelt nachhaltig verändern wird.
Frage: Wer hat den anderen Teil dieses Super-Spielzeugs?
Und dann gibt es da noch den Troll Ridgeback. Diesen "sensiblen"
Schläger plagt auf einmal sein Gewissen, weil er herausfindet,
daß sein Boss Tommy wohl wirklich ein Haufen Dreck ist.
Ich will ja nicht jammern, aber als Rezensent hat man es nicht
leicht: Kaum ist dieses Buch gelesen, schon verflüchtigen sich
die Erinnerungen an Story und Protagonisten. Legt man für eine
Beurteilung als Maßstab die (meine) "Erinnerungshalbwertzeit"
zugrunde, so müßte ein Daumen-runter-Urteil über das
Buch gefällt werden. Doch ganz so schlimm ist es dann doch
nicht, denn eigentlich handelt es sich um ein kurzweiliges
Büchlein, richtig knuddelige Popcorn-Literatur: schnell, bunt,
mit viel Pathos, sprachlich insbesondere in der ersten Hälfte
nicht sehr ausgefeilt, humorvoll, (selbst)ironisch, tragisch und
zumindest etwas spannend. Selbst die für diese Art des
Entertainments notwendigen archetypischen Charaktere sucht der Leser
nicht vergebens: Da gibt es die ganz Bösen, die Unschuldigen,
den Väterlichen, den Bekehrten und die Obercoolen, denen nichts
und niemand ans Bein pinkeln kann.
Doch genug der Lobhudelei: Die titelgebenden Protagonisten sind
eigentlich nur Statisten, die blaß bleiben und denen man ihre
Berufung zu Runnern nicht abnimmt. Daran ändert auch das von
Nedic bemühte Stilmittel kurzer Rückblenden in das Leben
der einzelnen Chummer nichts, insbesondere, weil der Autor im selben
Atemzug seine Figuren durch nicht notwendige Slapstick-Einlagen zu
völligen Trotteln stilisiert.
Die beiden starken, glaubwürdigen Charaktere hingegen -
Ridgeback und Moonwish kommen leider viel zu kurz: Ersterer
treibt kaum die Handlung voran, letzterer bleibt im Zwielicht seiner
Vergangenheit hängen.
Die Story selbst läßt sich mit einem Wort
charakterisieren: hanebüchen! Warum sind 95% aller
Shadowrun-Autoren der Meinung, nur potentiell
weltordnungsgefährdende Konflikte bzw. der drohende Umsturz
alles so Liebgewonnenen interessiere den Leser!? Gerade von einem
Buch, das "Die Anfänger" betitelt wurde, sollte man annehmen, es
erzähle eine kleine Story, in der die materiellen und ideellen
Schwierigkeiten von (Meta)Menschen beleuchtet werden, die - aus
welchen Gründen auch immer - zu Gesetzlosen werden und ihr
SIN-volles Leben zugunsten der Straße aufgeben. Statt dessen:
Azzi-Run und Superchip. Das "Erlöserteam", die "Men in Black",
die gegen Ende des Buches in die Geschehnisse eingreifen, geben der
Glaubwürdigkeit dieser Geschichte schließlich
endgültig den Gnadenstoß. Kurz und gut: Weniger wäre
mehr gewesen. Vielleicht sollte der Autor beim nächsten Roman
versuchen, die Erfahrungen eines Rollenspielnachmittages nicht 1:1,3
in ein Buch zu pressen... doch wer bin ich, daß ich solche
Ratschläge erteile, der ich doch nicht einmal selbst Shadowrun
spiele...
Fazit:
Ein durchschnittlicher Shadowrun-Roman, der einerseits viel
szenariogemäße Action bietet, andererseits jedoch in
Teilen sehr pathetisch geraten ist und auch sprachlich nicht ganz zu
überzeugen vermag. Auf jeden Fall werden auch SR-Anfänger
beim Lesen den Überblick nicht verlieren... und für
ADL-Fans und MdBs (Mitglieder des Bundestages) gehört dieser
Berlin-Roman ohnehin zur Pflichtlektüre.
8 Punkte