Gherbod Fleming:

"Clansroman: Nosferatu"

OT: Clan Novel: Nosferatu
Ü: Claudia Wittemund
(294 Seiten, Taschenbuch, Feder & Schwert 11113, ISBN 3-931612-46-5, EUR 10,20)
- erschienen: 2002 -

Nach drei Jahren erscheint mit dem Clansroman: Nosferatu – endlich - der dreizehnte und - so möge man meinen - letzte Band des großen und manchmal auch großartigen Zyklus aus der Welt der Kinder Kains.
Dieses Buch ist so konzipiert, daß herausragende Ereignisse der vorhergehenden 12 Bände aufgegriffen werden, um sie durch die Augen des Clans Nosferatu in Person der Kainiten Calebros, Emmet, Rolph, Colchester und einigen anderen schrulligen Zeitgenossen einer neuen Bewertung zu unterziehen, hierdurch die Leserperspektive ein klein wenig zurechtzurücken sowie sie in einen globalen Kontext - der Rache der Nosferatu an den Mördern eines ihrer Brüder - einzuordnen. Dementsprechend sinnlos ist eine Zusammenfassung des Romans - also am besten die zwölf anderen Bände (nochmals) durchackern...

Hat der Leser die letzten Seiten verschlungen und das Buch zugeklappt, beginnt in seinem Hirn eine gewisse Ratlosigkeit Raum zu greifen: "...und das soll's gewesen sein?! Darauf habe ich drei Jahre lang gewartet??" - "Nein! Natürlich nicht! Wozu gibt es Marketingmenschen, ausgeklügelte Vertriebsstrategien und unterbeschäftigte Autoren?!" Selbstverständlich wird noch ein vierzehnter Band - eine Anthologie - erscheinen, die diese dreizehnbändige Reihe "furios" beenden soll...

Zurück in die Gegenwart! Fangen wir mit den "Formalien" an: Fleming ist ein routinierter "World of Darkness"-Autor, der neben "Feder & Schwerts" Blutfluch-Trilogie vier weitere Clansromane verfaßte. Insofern ist er ein stil- und materiesicherer Garant solider Unterhaltung, der auf "zu innovative“ Ansätze wie ausufernden Surrealismus, blumige Metaphorik, komplizierten chronologischen Aufbau etc. weitgehend verzichtet und daher gut, d.h. ohne große intellektuelle Verrenkungen, gelesen werden kann.
Herausragende Spannungsbögen sind aufgrund der speziellen Konzeption dieses Romans höchstens rudimentär vorhanden, denn der gut informierte Leser sollte immer recht genau wissen, was an den einzelnen Stationen seiner Reise durch die Welt der Dunkelheit passieren wird. Dennoch erwartet den Leser eine von Neugier und Deja-vu-Erlebnissen geprägte, dichte Atmosphäre.
Die Zeichnung der Nossis selbst, die Evaluierung ihrer charakteristischen (Clans-)Wesenszüge ist unterhaltsam, amüsant und durch und durch glaubwürdig. Allesamt sind sie - ihrem Verhalten nach - eher Einzelgänger; zeitweilig verleiden ihnen diverse körperliche Gebrechen das Untotsein, und schließlich legen sie - um es milde auszudrücken - äußerst exzentrische Wesenszüge an den Tag: vom perfektionistischen Calebros, der jede Entscheidung zigfach überdenkt, jede Information archiviert und auf dem Grund seines Teichs nach transzendentalen Erfahrungen sucht, über den autoritätsverachtenden Emmet bis hin zum "leicht" perversen Colchester, der seine Umwelt mit Zoten und derb-sexistischen Sprüchen zu provozieren sucht. Kleine Episoden mit der fetten Hilda und dem fäkalientriefenden Maus runden das erfreuliche Gesamtbild ab. Da Calebros sich der Soziopathen, Kindermörder und abartigsten Verbrecher unter seinen "Brüdern" auf die eine oder andere Weise entledigt hat, erscheint der Rest der kleinen New Yorker Nossi-Enklave zwar sehr schrullig, aber dennoch äußerst sympathisch.
Viele Kainiten der vorangegangenen Bände haben in diesem Buch Cameo-Auftritte, ausgenommen die Toreador Victoria, der Tremere Nikolai, der letzte des Hauses Goratrix, und Leopold. Diese drei spielen eine größere Rolle, wobei insbesondere der körperliche und geistige Verfall des "Toreador" eindringlich und düster von Gherbod beschrieben wird.
Trotz all dieser erfreulichen und positiven Aspekte weist der Roman einen schwerwiegenden Mangel auf: Er hält nicht, was er verspricht. Die Letzten Nächte sind genauso weit entfernt wie zu Beginn dieses Zyklus, der Krieg zwischen Camarilla und Sabbath ist sanft entschlummert, Ur-Shulgi prüft immer noch die Assamiten, und ein unsagbares Etwas dräut weiterhin in den tiefsten Abgründen der Erde. Zugegeben, das "Augenproblem" ist zwar gelöst, wenn auch nicht abschließend erklärt, und das Ableben mehrerer Kainiten erscheint in einem neuen Licht, doch dies ist eindeutig zuwenig, als daß es wirklich zufriedenstellen könnte. Eine positive oder negative Bewertung hängt damit entscheidend von den Ansprüchen und "a priori"-Erwartungen ab: Clansroman versus Zyklusende.
Ich bin zwar kein Anatole, wage aber trotzdem zu prophezeien, daß sich auch im vierzehnten Band nichts Weltbewegendes ereignen wird. Wie könnte es auch?! Feder & Schwerts Marktschwerpunkt liegt eindeutig im Rollenspielsektor (Quellenbände, Szenarien, Module, usw.); mit den belletristischen "spin-offs" soll allenfalls ein kleines (zusätzliches) Segment bedient werden, wobei von vornherein klar ist, daß der überwiegende Teil der Leserschaft auch WoD-Spieler ist. Dies erweist sich insofern als problematisch, da die Romane über eine Funktion als simpler Support der Rollenspiellinie nicht hinausreichen, also alles andere als eigenständig sind. Sie können und dürfen niemals mehr Lösungen liefern und Geheimnisse entschlüsseln, als die aktuellen Kampagnen- und Quellenbücher es zulassen (Stichwort: Quellenbuchkompatibilität). Ansonsten heulten die lesenden Spieler, die bekanntermaßen etwas sensibel sind - richtige Schauspieler eben - herzerweichend auf, weil sie sich um irgendwelche großartigen Abenteuer betrogen sehen oder in ihrer spielgestalterischen Freiheit zu sehr eingeschränkt fühlen. Daher werden wir auch im vierzehnten Band den Letzten Nächten keinen Deut näher kommen.

Fazit:
Für jeden Nossi-Fan ist das Buch ein Muß, denn als reiner Clansroman, der Einsichten in die Strukturen und Absonderlichkeiten der Nosferatu-Gesellschaft liefert, kann er sich mit dem bisherigen Highlight der Serie - dem Clansroman: Giovanni - messen. Jeder gutgläubige Leser, der lediglich einen krönenden Abschluß des dreizehnbändigen Zyklus erwartet, sollte die €10,20 lieber der Stadt für die Instandhaltung der Kanalisation spenden. Aufgrund dieser Diskrepanz läßt sich eine Bewertung des Buches kaum in einer einzigen Note subsummieren. Daher: als Clansroman 14 von 15 Punkten; als Zyklus-Abschluß
5 Punkte.

Frank Drehmel


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