Nach drei
Jahren erscheint mit dem Clansroman: Nosferatu endlich - der
dreizehnte und - so möge man meinen - letzte Band des
großen und manchmal auch großartigen Zyklus aus der Welt
der Kinder Kains.
Dieses Buch ist so konzipiert, daß herausragende Ereignisse der
vorhergehenden 12 Bände aufgegriffen werden, um sie durch die
Augen des Clans Nosferatu in Person der Kainiten Calebros, Emmet,
Rolph, Colchester und einigen anderen schrulligen Zeitgenossen einer
neuen Bewertung zu unterziehen, hierdurch die Leserperspektive ein
klein wenig zurechtzurücken sowie sie in einen globalen Kontext
- der Rache der Nosferatu an den Mördern eines ihrer Brüder
- einzuordnen. Dementsprechend sinnlos ist eine Zusammenfassung des
Romans - also am besten die zwölf anderen Bände (nochmals)
durchackern...
Hat der Leser die letzten Seiten verschlungen und das Buch
zugeklappt, beginnt in seinem Hirn eine gewisse Ratlosigkeit Raum zu
greifen: "...und das soll's gewesen sein?! Darauf habe
ich drei Jahre lang gewartet??" - "Nein! Natürlich nicht! Wozu
gibt es Marketingmenschen, ausgeklügelte Vertriebsstrategien und
unterbeschäftigte Autoren?!" Selbstverständlich wird noch
ein vierzehnter Band - eine Anthologie - erscheinen, die diese
dreizehnbändige Reihe "furios" beenden soll...
Zurück in die Gegenwart! Fangen wir mit den "Formalien" an:
Fleming ist ein routinierter "World of Darkness"-Autor, der neben
"Feder & Schwerts" Blutfluch-Trilogie vier weitere Clansromane
verfaßte. Insofern ist er ein stil- und materiesicherer Garant
solider Unterhaltung, der auf "zu innovative Ansätze wie
ausufernden Surrealismus, blumige Metaphorik, komplizierten
chronologischen Aufbau etc. weitgehend verzichtet und daher gut, d.h.
ohne große intellektuelle Verrenkungen, gelesen werden
kann.
Herausragende Spannungsbögen sind aufgrund der speziellen
Konzeption dieses Romans höchstens rudimentär vorhanden,
denn der gut informierte Leser sollte immer recht genau wissen, was
an den einzelnen Stationen seiner Reise durch die Welt der Dunkelheit
passieren wird. Dennoch erwartet den Leser eine von Neugier und
Deja-vu-Erlebnissen geprägte, dichte Atmosphäre.
Die Zeichnung der Nossis selbst, die Evaluierung ihrer
charakteristischen (Clans-)Wesenszüge ist unterhaltsam,
amüsant und durch und durch glaubwürdig. Allesamt sind sie
- ihrem Verhalten nach - eher Einzelgänger; zeitweilig verleiden
ihnen diverse körperliche Gebrechen das Untotsein, und
schließlich legen sie - um es milde auszudrücken -
äußerst exzentrische Wesenszüge an den Tag: vom
perfektionistischen Calebros, der jede Entscheidung zigfach
überdenkt, jede Information archiviert und auf dem Grund seines
Teichs nach transzendentalen Erfahrungen sucht, über den
autoritätsverachtenden Emmet bis hin zum "leicht" perversen
Colchester, der seine Umwelt mit Zoten und derb-sexistischen
Sprüchen zu provozieren sucht. Kleine Episoden mit der fetten
Hilda und dem fäkalientriefenden Maus runden das erfreuliche
Gesamtbild ab. Da Calebros sich der Soziopathen, Kindermörder
und abartigsten Verbrecher unter seinen "Brüdern" auf die eine
oder andere Weise entledigt hat, erscheint der Rest der kleinen New
Yorker Nossi-Enklave zwar sehr schrullig, aber dennoch
äußerst sympathisch.
Viele Kainiten der vorangegangenen Bände haben in diesem Buch
Cameo-Auftritte, ausgenommen die Toreador Victoria, der Tremere
Nikolai, der letzte des Hauses Goratrix, und Leopold. Diese drei
spielen eine größere Rolle, wobei insbesondere der
körperliche und geistige Verfall des "Toreador" eindringlich und
düster von Gherbod beschrieben wird.
Trotz all dieser erfreulichen und positiven Aspekte weist der Roman
einen schwerwiegenden Mangel auf: Er hält nicht, was er
verspricht. Die Letzten Nächte sind genauso weit entfernt wie zu
Beginn dieses Zyklus, der Krieg zwischen Camarilla und Sabbath ist
sanft entschlummert, Ur-Shulgi prüft immer noch die Assamiten,
und ein unsagbares Etwas dräut weiterhin in den tiefsten
Abgründen der Erde. Zugegeben, das "Augenproblem" ist zwar
gelöst, wenn auch nicht abschließend erklärt, und das
Ableben mehrerer Kainiten erscheint in einem neuen Licht, doch dies
ist eindeutig zuwenig, als daß es wirklich zufriedenstellen
könnte. Eine positive oder negative Bewertung hängt damit
entscheidend von den Ansprüchen und "a priori"-Erwartungen ab:
Clansroman versus Zyklusende.
Ich bin zwar kein Anatole, wage aber trotzdem zu prophezeien,
daß sich auch im vierzehnten Band nichts Weltbewegendes
ereignen wird. Wie könnte es auch?! Feder & Schwerts
Marktschwerpunkt liegt eindeutig im Rollenspielsektor
(Quellenbände, Szenarien, Module, usw.); mit den
belletristischen "spin-offs" soll allenfalls ein kleines
(zusätzliches) Segment bedient werden, wobei von vornherein klar
ist, daß der überwiegende Teil der Leserschaft auch
WoD-Spieler ist. Dies erweist sich insofern als problematisch, da die
Romane über eine Funktion als simpler Support der
Rollenspiellinie nicht hinausreichen, also alles andere als
eigenständig sind. Sie können und dürfen niemals mehr
Lösungen liefern und Geheimnisse entschlüsseln, als die
aktuellen Kampagnen- und Quellenbücher es zulassen (Stichwort:
Quellenbuchkompatibilität). Ansonsten heulten die lesenden
Spieler, die bekanntermaßen etwas sensibel sind - richtige
Schauspieler eben - herzerweichend auf, weil sie sich um irgendwelche
großartigen Abenteuer betrogen sehen oder in ihrer
spielgestalterischen Freiheit zu sehr eingeschränkt fühlen.
Daher werden wir auch im vierzehnten Band den Letzten Nächten
keinen Deut näher kommen.
Fazit:
Für jeden Nossi-Fan ist das Buch ein Muß, denn als reiner
Clansroman, der Einsichten in die Strukturen und Absonderlichkeiten
der Nosferatu-Gesellschaft liefert, kann er sich mit dem bisherigen
Highlight der Serie - dem Clansroman: Giovanni - messen. Jeder
gutgläubige Leser, der lediglich einen krönenden
Abschluß des dreizehnbändigen Zyklus erwartet, sollte die
€10,20 lieber der Stadt für die Instandhaltung der Kanalisation
spenden. Aufgrund dieser Diskrepanz läßt sich eine
Bewertung des Buches kaum in einer einzigen Note subsummieren. Daher:
als Clansroman 14 von 15 Punkten; als Zyklus-Abschluß
5 Punkte.