"Herolde
des Sturms" ist der erste Band der Trilogie "Das Jahr des
Skarabäus" und entführt den Leser in Feder & Schwerts
"Welt der Dunkelheit". Frei nach dem Motto "Mumien, Monstren,
Mutationen" stellt der Roman ein Crossover von vier
Rollenspielsettings dar: "Mumien: Die Wiedergeburt", "Jäger: Die
Vergeltung", "Vampire: Die Maskerade" und "Wraith: The Oblivion",
wobei im vorliegenden ersten Band die zentralen Protagonisten den
Fraktionen der Jäger und der Geister entstammen. Jäger sind
quasi mutierte Menschen, denen durch geheimnisumwitterte Herolde
übermenschliche (Geistes-)Kräfte verliehen wurden, um alle
Arten von Monstern zu jagen, d.h. aufzuspüren, zu beobachten und
ggf. zu vernichten; und was Geister sind, dürfte hinreichend
bekannt sein...
Thea und ihr Team, die Van-Helsing-Brigade, sind solchermaßen
"beseelte" Menschen. Im Augenblick machen sie Jagd auf den Vampir
Augustus Klein, der sich in einer schönen, alten Villa
breitgemacht hat, von wo aus er diverse Geschäfte der
übelsten Sorte betreibt. Die Jagd verläuft merkwürdig
problemlos. Fast scheint es, als ob irgendjemand dem Team helfen
würde. Schon bald werden sie von einem Mann namens Maxwell
Carpenter kontaktiert, der ihnen seine wahre Natur offenbart. Er
bittet sie, in einen geheimnisvollen Tempel im Herzen Chicagos
einzudringen, weil dort etwas Ungeheuerliches vorgehe. Trotz einiger
Bedenken können sie sich ihrer Jäger-Natur nicht
widersetzen und willigen daher ein. Da jedoch ihr Leben direkt von
ihren Fähigkeiten und ihrem Kenntnisstand abhängt,
versuchen sie, Carpenters wahre Beweggründe zu ermitteln. Seine
Motive sind Haß sowie Rache an dem Mann (samt dessen Kindern
und Kindeskindern), der ihn einst im wörtlichen Sinne durch den
Fleischwolf drehte.
Andrew Bates hat mit "Herolde des Sturms" einen respektablen
Debut-Roman vorgelegt. Sein Erzählstil ist flüssig und
modern; die eine oder andere Anspielung auf aktuelle Ereignisse oder
real existierende Personen verankert das Geschehen im
Erfahrungsbereich des Lesers und verleiht der Geschichte eine gewisse
Glaubwürdigkeit.
Die Protagonisten Thea und Carpenter sind plastisch und
glaubwürdig gezeichnet. Sie: eine Mittelklassetussi, gebildet,
Journalistin und daher von Natur aus neugierig, wegen ihres "Hobbies"
mehr oder weniger paranoid; er: ein Mafiaschläger klassischer
Couleur, der die "guten alten Zeiten" (Capone, Prohibition, usw.)
noch hautnah miterlebte, skrupellos, gewalttätig, mit einem
winzigen Anflug von so etwas wie dem Hauch eines Gewissens (z.B. wenn
es um das Meucheln von Kindern geht).
Ob die Atmosphäre des Jäger-Rollenspiels gelungen im Buch
eingefangen wurde, vermag ich nicht zu beurteilen, da ich das
Regelwerk wohl kenne, jedoch nicht selbst spiele. Auf jeden Fall ist
es amüsant, die Monstrositäten der dunklen Welt aus
gänzlich anderer Perspektive - nämlich der von
"Normal"sterblichen - zu betrachten und mitzuerleben, welche
Vorurteile und Fehlinformationen gegenüber ihren "Antagonisten"
die Jagd für sie zu einem lebensbedrohlichen Abenteuer machen.
Der Unterhaltungswert ist um so größer, je aufmerksamer
man die Clansromane (Vampire - Die Maskerade) verfolgte. Im Grunde
wissen diese armen Beseelten nur Marginalien über Vampire,
Werwölfe und Gespenster, sowie deren Gesellschaftsstrukturen
(Clans, Stämme) und die sozio-ökonomischen Auswirkungen von
deren Aktivitäten auf die Welt der Menschen. Bemerkenswert ist
weiterhin, daß es dem Autor gelingt, den Leser einzelne
Jägerarchetypen ("Bekenntnisse") in den Handlungsträgern
erkennen zu lassen. Kleine Splatter-Einlagen, die an die guten alten
Romero-Zombie-Zeiten erinnern, runden das gelungene
atmosphärische Gesamtbild ab.
Leider weist der Roman insbesondere in den letzten beiden der vier
Kapitel langatmige Passagen auf, in denen Theas Umfeld und einige
ihrer "Beziehungskisten" im Mittelpunkt der Erzählung stehen und
in denen vorhandene Spannungsbögen zu Horizontalen mutieren:
endlose Ermittlungen und Diskussionen. Wenn dasselbe Problem zum
dritten Mal innerhalb der Gruppe besprochen wird, beginnt auch der
geduldigste Leser nach seiner HB zu suchen oder einen Beruhigungstee
aufzusetzen. Der Showdown fällt dann schließlich auch eher
unspektakulär aus und wird relativ kurz abgehandelt, wobei das
Ende aber doch neugierig auf die Fortsetzung dieses Romanes
macht.
Die grafische Gestaltung des Buches und das Layout sind Feder &
Schwert-gemäß wieder äußerst ansprechend, auch
wenn die Cover-Zeichnung eher einem amerikanischen Comic zu
entstammen scheint (Witchblade meets Tomb Raider) und daher sehr
glatt und kindgerecht wirkt.
Fazit:
Alles in allem ein gelungener, spannender Debut-Roman, der trotz
einiger langatmiger Passagen auch denjenigen gefallen kann, die nicht
in Feder & Schwerts "Welt der Dunkelheit" heimisch sind.
11 Punkte