Andrew Bates:

"Herolde des Sturms"

(Das Jahr des Skarabäus Band 1)
OT: Year of the Scarab Trilogy Book One: Heralds of the Storm
Ü: Michael Römer
(272 Seiten, Taschenbuch, Feder & Schwert 11115, ISBN 3-935282-53-2, EUR 10,20)
- erschienen: 2002 -

"Herolde des Sturms" ist der erste Band der Trilogie "Das Jahr des Skarabäus" und entführt den Leser in Feder & Schwerts "Welt der Dunkelheit". Frei nach dem Motto "Mumien, Monstren, Mutationen" stellt der Roman ein Crossover von vier Rollenspielsettings dar: "Mumien: Die Wiedergeburt", "Jäger: Die Vergeltung", "Vampire: Die Maskerade" und "Wraith: The Oblivion", wobei im vorliegenden ersten Band die zentralen Protagonisten den Fraktionen der Jäger und der Geister entstammen. Jäger sind quasi mutierte Menschen, denen durch geheimnisumwitterte Herolde übermenschliche (Geistes-)Kräfte verliehen wurden, um alle Arten von Monstern zu jagen, d.h. aufzuspüren, zu beobachten und ggf. zu vernichten; und was Geister sind, dürfte hinreichend bekannt sein...
Thea und ihr Team, die Van-Helsing-Brigade, sind solchermaßen "beseelte" Menschen. Im Augenblick machen sie Jagd auf den Vampir Augustus Klein, der sich in einer schönen, alten Villa breitgemacht hat, von wo aus er diverse Geschäfte der übelsten Sorte betreibt. Die Jagd verläuft merkwürdig problemlos. Fast scheint es, als ob irgendjemand dem Team helfen würde. Schon bald werden sie von einem Mann namens Maxwell Carpenter kontaktiert, der ihnen seine wahre Natur offenbart. Er bittet sie, in einen geheimnisvollen Tempel im Herzen Chicagos einzudringen, weil dort etwas Ungeheuerliches vorgehe. Trotz einiger Bedenken können sie sich ihrer Jäger-Natur nicht widersetzen und willigen daher ein. Da jedoch ihr Leben direkt von ihren Fähigkeiten und ihrem Kenntnisstand abhängt, versuchen sie, Carpenters wahre Beweggründe zu ermitteln. Seine Motive sind Haß sowie Rache an dem Mann (samt dessen Kindern und Kindeskindern), der ihn einst im wörtlichen Sinne durch den Fleischwolf drehte.

Andrew Bates hat mit "Herolde des Sturms" einen respektablen Debut-Roman vorgelegt. Sein Erzählstil ist flüssig und modern; die eine oder andere Anspielung auf aktuelle Ereignisse oder real existierende Personen verankert das Geschehen im Erfahrungsbereich des Lesers und verleiht der Geschichte eine gewisse Glaubwürdigkeit.
Die Protagonisten Thea und Carpenter sind plastisch und glaubwürdig gezeichnet. Sie: eine Mittelklassetussi, gebildet, Journalistin und daher von Natur aus neugierig, wegen ihres "Hobbies" mehr oder weniger paranoid; er: ein Mafiaschläger klassischer Couleur, der die "guten alten Zeiten" (Capone, Prohibition, usw.) noch hautnah miterlebte, skrupellos, gewalttätig, mit einem winzigen Anflug von so etwas wie dem Hauch eines Gewissens (z.B. wenn es um das Meucheln von Kindern geht).
Ob die Atmosphäre des Jäger-Rollenspiels gelungen im Buch eingefangen wurde, vermag ich nicht zu beurteilen, da ich das Regelwerk wohl kenne, jedoch nicht selbst spiele. Auf jeden Fall ist es amüsant, die Monstrositäten der dunklen Welt aus gänzlich anderer Perspektive - nämlich der von "Normal"sterblichen - zu betrachten und mitzuerleben, welche Vorurteile und Fehlinformationen gegenüber ihren "Antagonisten" die Jagd für sie zu einem lebensbedrohlichen Abenteuer machen. Der Unterhaltungswert ist um so größer, je aufmerksamer man die Clansromane (Vampire - Die Maskerade) verfolgte. Im Grunde wissen diese armen Beseelten nur Marginalien über Vampire, Werwölfe und Gespenster, sowie deren Gesellschaftsstrukturen (Clans, Stämme) und die sozio-ökonomischen Auswirkungen von deren Aktivitäten auf die Welt der Menschen. Bemerkenswert ist weiterhin, daß es dem Autor gelingt, den Leser einzelne Jägerarchetypen ("Bekenntnisse") in den Handlungsträgern erkennen zu lassen. Kleine Splatter-Einlagen, die an die guten alten Romero-Zombie-Zeiten erinnern, runden das gelungene atmosphärische Gesamtbild ab.
Leider weist der Roman insbesondere in den letzten beiden der vier Kapitel langatmige Passagen auf, in denen Theas Umfeld und einige ihrer "Beziehungskisten" im Mittelpunkt der Erzählung stehen und in denen vorhandene Spannungsbögen zu Horizontalen mutieren: endlose Ermittlungen und Diskussionen. Wenn dasselbe Problem zum dritten Mal innerhalb der Gruppe besprochen wird, beginnt auch der geduldigste Leser nach seiner HB zu suchen oder einen Beruhigungstee aufzusetzen. Der Showdown fällt dann schließlich auch eher unspektakulär aus und wird relativ kurz abgehandelt, wobei das Ende aber doch neugierig auf die Fortsetzung dieses Romanes macht.
Die grafische Gestaltung des Buches und das Layout sind Feder & Schwert-gemäß wieder äußerst ansprechend, auch wenn die Cover-Zeichnung eher einem amerikanischen Comic zu entstammen scheint (Witchblade meets Tomb Raider) und daher sehr glatt und kindgerecht wirkt.

Fazit:
Alles in allem ein gelungener, spannender Debut-Roman, der trotz einiger langatmiger Passagen auch denjenigen gefallen kann, die nicht in Feder & Schwerts "Welt der Dunkelheit" heimisch sind.
11 Punkte

Frank Drehmel


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