Mit
"Traumsaat" liegt endlich der zweite Band der
Hiob-Trilogie vor, welche als belletristischer Spin-Off von Feder
& Schwerts selbstentwickeltem Erzählspiel "Engel" konzipiert
wurde. Auf den spieltechnischen Background einzugehen, ist
müßig; insofern schenke ich es mir, zumal das Wissen
darum, welches ich ohnehin nicht habe, für das Verständnis
des Buches nicht unbedingt notwendig ist - ganz im Gegensatz zum
ersten Band "Brandland", an den die Handlung nahtlos
anschließt.
Während Ariels Schar die Order erhält, zusammen mit einer
Vielzahl von Mitstreitern Templern und Engeln die Stadt
Tours von Ketzern, Häretikern und den Dämonen der Traumsaat
zu befreien sowie die verbliebenen Gläubigen in den Schoß
der angelitischen Kirche zurückzuholen, setzt Calliel alias Hiob
seine Suche nach dem verschollenen Buch der Ragueliten fort. In
Begleitung von Anne, dem Komtur Eliphas und dessen Beutereitern
führt sein Weg ihn zunächst nach Nürnberg in den
Himmel der Gabrieliten, wo er auf schmerzliche Weise erfährt,
daß nicht nur die Jünger traumsaatverblendete Zeloten
sind. Die zweite Station seiner Queste, von deren Erfolg das
Überleben der Engel und Menschen abhängen könnte, ist
die Stadt Prag, Bastion der Ramieliten. In der sicheren Erkenntnis,
daß sich das Buch dort befindet, muß Hiob versuchen, das
Vermächtnis seines Ordens vor den dämonischen Jägern
der Traumsaat und dem ehrgeizigen, korrupten Abt der Ramieliten zu
erreichen, um es in die Sicherheit Roma Aeternas zu schaffen.
Die ersten Fragen, mit denen der Leser sich konfrontiert sieht: Was
ist passiert? Wurde der Co-Autor des hervorragenden ersten Bandes,
Oliver Hoffmann, ein Opfer der Traumsaat? Trieb ein Exorzismus der
angelitischen Kirche Severin Rast seine im ersten Band bewiesene
Erzählkunst aus? Denn: War Brandland atmosphärisch dicht,
die Protagonisten glaubwürdig, die Spannungs- und
Handlungsbögen eigenständig und fesselnd, so sucht man in
Traumsaat vieles davon zumindest in der ersten Hälfte des Buches
vergebens.
Gleich zu Beginn dieses Romans bricht eine solch immense Flut von
unerklärten und unerklärlichen Namen und Begriffen
über den Leser herein, daß er darin regelrecht
ersäuft; zumindest dann, wenn ihm der erste Band nicht mehr
gegenwärtig und/oder er kein Engel-"Spieler" ist und/oder er
nicht als Pfarrer oder Paster wie wir Norddeutschen sagen
(* ... auch wenn Ihr eigentlich Pastor sagen
solltet... ;-) Heike) dem Klerus angehört. Da paaren
sich Ramieliten mit Ragueliten, Michaeliten oder Gabrieliten,
Monachen mit Beginen und Komture mit ihren Rottenmeistern. Über
allem schweben die krakeelenden Sarieliten, während Äbte
und Kardinäle ihre Intrigen spinnen. 75 Prozent aller
Protagonistennamen enden auf die Silbe -iel, wobei eigentlich nur
noch Hallodriel, Dickiel und Doofiel fehlen... (* Was, heißt
wirklich auch eine(r) Galadriel??? *beg* Heike) ...und mich soll
der Blitz treffen, falls ich übertreibe... ;-) (* Sorry, wir
haben da eine Abmachung: Rezensenten sind blitzimmun. ;-) Sonst
fänden wir ja gar keinen, der das überhaupt macht! ;-)
Leider konnten wir die Immunität jedoch nicht auf die Rechner
erweitern. Heike) By the way: Es gibt so etwas wie Glossare...
leider nicht in diesem Buch!
Neben dieser unerquicklichen "Fakten"-Ballung fordern mehrere
parallel laufende Handlungsstränge dem Betrachter ein hohes
Maß an Konzentration auf die Geschehnisse und das Wesentliche
ab, was sich um so schwieriger erweist, als der zentrale
Handlungsstrang der ersten Hälfte des Buches die Schlacht
um die Stadt Tours einschließlich ihrer Vorbereitung
äußerst technokratisch (aus einem Handbuch:
"Kriegstaktiken für Anfänger und Engel") und dröge
erzählt wird und damit überflüssig wie ein
Kropf ist und zu schlechter Letzt nicht einmal die Handlung
erkennbar vorantreibt. In Anbetracht des mit 226 Seiten geringen
Umfanges dieses Bandes und den interessanteren Storylines, die der
Autor hätte erzählen können (oder vielleicht auch
nicht...), ein böser Fauxpas.
Nun gut... man erfährt über die Michaeliten Ariel und die
Konflikte, die ihre Schar zu zerreißen drohen... doch wer will
das schon?! Wenn wenigstens die Traumsaatgeschöpfe, mit denen
sich die Streiter rumschlagen, originell und dämonisch
beschrieben wären! Leider erwecken ihre Morphologie, ihr
Phänotypus und ihr "Wirken" in uns Splatter-Ästheten
und/oder Lovecraft-Fans nicht einmal ein müdes Gähnen.
Doch nun zu den erfreulicheren Dingen, die es man mag es kaum
glauben auch zu erwähnen gibt: Nach wie vor ist der Stil
von Severin Rast gefällig, und in dem Moment, da Calliel/Hiob
zur handlungsbestimmenden Person wird, gewinnt der Roman an Fahrt.
Action und Spannung treten zusehends als bestimmende Elemente in den
Vordergrund, so daß schließlich der Cliffhanger, mit dem
dieses Buch endet, durchaus konsequent erscheint.
Gelungen ist des weiteren wie schon in "Brandland" die
Einbindung zeitgenössischer technischer Begriffe vom Euro
über Pistolen bis zu CD-Roms in eine Fantasy-Welt, die
durch die daraus resultierende Vertrautheit um so bizarrer
erscheint.
Ganz grundsätzlich kann man das gesamte Engel-Konzept zumindest
von der belletristischen Seite her als ausbaufähig und insofern
positiv betrachten. Das Setting bietet Raum für weitere
fesselnde Stories, um so mehr, als absehbar nicht
sämtliche Handlungsstränge der Hiob-Trilogie im
abschließenden Band befriedigend zu Ende geführt werden
es sei denn, er umfaßt 627 Seiten. Inwieweit "Engel"
rollenspieltechnisch "der Reißer" ist, mögen diejenigen
beurteilen, die es sinnvoll finden, Scharen von Spezialisten
die Engel mit ihren ordensspezifischen Fähigkeiten im
Kampf mit einem eher universell agierenden Gegner zu verheizen. Doch
das ist eine andere Geschichte...
Fazit:
Im Vergleich zum ersten Band "Brandland" stellt sich "Traumsaat"
anfangs verworren und wenig fesselnd dar, gewinnt dann
schließlich aber an Tempo. Obwohl beim Leser ein gewisses
Da-hätte-man-mehr-draus-machen-können-Gefühl
zurück bleibt, ist "Traumsaat" unterm Strich dennoch ein
empfehlenswerter Roman.
9 Punkte