Severin Rast:

»Traumsaat«

(Hiobs Botschaft Band 2)
D 2002
(231 Seiten, Taschenbuch, Feder & Schwert 15102, ISBN: 3-935282-20-6, EUR 10,20)
- erschienen: 2002 -

Mit "Traumsaat" liegt – endlich – der zweite Band der Hiob-Trilogie vor, welche als belletristischer Spin-Off von Feder & Schwerts selbstentwickeltem Erzählspiel "Engel" konzipiert wurde. Auf den spieltechnischen Background einzugehen, ist müßig; insofern schenke ich es mir, zumal das Wissen darum, welches ich ohnehin nicht habe, für das Verständnis des Buches nicht unbedingt notwendig ist - ganz im Gegensatz zum ersten Band "Brandland", an den die Handlung nahtlos anschließt.

Während Ariels Schar die Order erhält, zusammen mit einer Vielzahl von Mitstreitern – Templern und Engeln – die Stadt Tours von Ketzern, Häretikern und den Dämonen der Traumsaat zu befreien sowie die verbliebenen Gläubigen in den Schoß der angelitischen Kirche zurückzuholen, setzt Calliel alias Hiob seine Suche nach dem verschollenen Buch der Ragueliten fort. In Begleitung von Anne, dem Komtur Eliphas und dessen Beutereitern führt sein Weg ihn zunächst nach Nürnberg in den Himmel der Gabrieliten, wo er auf schmerzliche Weise erfährt, daß nicht nur die Jünger traumsaatverblendete Zeloten sind. Die zweite Station seiner Queste, von deren Erfolg das Überleben der Engel und Menschen abhängen könnte, ist die Stadt Prag, Bastion der Ramieliten. In der sicheren Erkenntnis, daß sich das Buch dort befindet, muß Hiob versuchen, das Vermächtnis seines Ordens vor den dämonischen Jägern der Traumsaat und dem ehrgeizigen, korrupten Abt der Ramieliten zu erreichen, um es in die Sicherheit Roma Aeternas zu schaffen.

Die ersten Fragen, mit denen der Leser sich konfrontiert sieht: Was ist passiert? Wurde der Co-Autor des hervorragenden ersten Bandes, Oliver Hoffmann, ein Opfer der Traumsaat? Trieb ein Exorzismus der angelitischen Kirche Severin Rast seine im ersten Band bewiesene Erzählkunst aus? Denn: War Brandland atmosphärisch dicht, die Protagonisten glaubwürdig, die Spannungs- und Handlungsbögen eigenständig und fesselnd, so sucht man in Traumsaat vieles davon zumindest in der ersten Hälfte des Buches vergebens.

Gleich zu Beginn dieses Romans bricht eine solch immense Flut von unerklärten und unerklärlichen Namen und Begriffen über den Leser herein, daß er darin regelrecht ersäuft; zumindest dann, wenn ihm der erste Band nicht mehr gegenwärtig und/oder er kein Engel-"Spieler" ist und/oder er nicht als Pfarrer oder Paster – wie wir Norddeutschen sagen (* ... auch wenn Ihr eigentlich ›Pastor‹ sagen solltet... ;-) Heike) – dem Klerus angehört. Da paaren sich Ramieliten mit Ragueliten, Michaeliten oder Gabrieliten, Monachen mit Beginen und Komture mit ihren Rottenmeistern. Über allem schweben die krakeelenden Sarieliten, während Äbte und Kardinäle ihre Intrigen spinnen. 75 Prozent aller Protagonistennamen enden auf die Silbe -iel, wobei eigentlich nur noch Hallodriel, Dickiel und Doofiel fehlen... (* Was, heißt wirklich auch eine(r) Galadriel??? *beg* Heike) ...und mich soll der Blitz treffen, falls ich übertreibe... ;-) (* Sorry, wir haben da eine Abmachung: Rezensenten sind blitzimmun. ;-) Sonst fänden wir ja gar keinen, der das überhaupt macht! ;-) Leider konnten wir die Immunität jedoch nicht auf die Rechner erweitern. Heike) By the way: Es gibt so etwas wie Glossare... leider nicht in diesem Buch!

Neben dieser unerquicklichen "Fakten"-Ballung fordern mehrere parallel laufende Handlungsstränge dem Betrachter ein hohes Maß an Konzentration auf die Geschehnisse und das Wesentliche ab, was sich um so schwieriger erweist, als der zentrale Handlungsstrang der ersten Hälfte des Buches – die Schlacht um die Stadt Tours einschließlich ihrer Vorbereitung – äußerst technokratisch (aus einem Handbuch: "Kriegstaktiken für Anfänger und Engel") und dröge erzählt wird – und damit überflüssig wie ein Kropf ist – und zu schlechter Letzt nicht einmal die Handlung erkennbar vorantreibt. In Anbetracht des mit 226 Seiten geringen Umfanges dieses Bandes und den interessanteren Storylines, die der Autor hätte erzählen können (oder vielleicht auch nicht...), ein böser Fauxpas.
Nun gut... man erfährt über die Michaeliten Ariel und die Konflikte, die ihre Schar zu zerreißen drohen... doch wer will das schon?! Wenn wenigstens die Traumsaatgeschöpfe, mit denen sich die Streiter rumschlagen, originell und dämonisch beschrieben wären! Leider erwecken ihre Morphologie, ihr Phänotypus und ihr "Wirken" in uns Splatter-Ästheten und/oder Lovecraft-Fans nicht einmal ein müdes Gähnen.

Doch nun zu den erfreulicheren Dingen, die es – man mag es kaum glauben – auch zu erwähnen gibt: Nach wie vor ist der Stil von Severin Rast gefällig, und in dem Moment, da Calliel/Hiob zur handlungsbestimmenden Person wird, gewinnt der Roman an Fahrt. Action und Spannung treten zusehends als bestimmende Elemente in den Vordergrund, so daß schließlich der Cliffhanger, mit dem dieses Buch endet, durchaus konsequent erscheint.

Gelungen ist des weiteren – wie schon in "Brandland" – die Einbindung zeitgenössischer technischer Begriffe – vom Euro über Pistolen bis zu CD-Roms – in eine Fantasy-Welt, die durch die daraus resultierende Vertrautheit um so bizarrer erscheint.

Ganz grundsätzlich kann man das gesamte Engel-Konzept zumindest von der belletristischen Seite her als ausbaufähig und insofern positiv betrachten. Das Setting bietet Raum für weitere fesselnde Stories, um so mehr, als – absehbar – nicht sämtliche Handlungsstränge der Hiob-Trilogie im abschließenden Band befriedigend zu Ende geführt werden – es sei denn, er umfaßt 627 Seiten. Inwieweit "Engel" rollenspieltechnisch "der Reißer" ist, mögen diejenigen beurteilen, die es sinnvoll finden, Scharen von Spezialisten – die Engel mit ihren ordensspezifischen Fähigkeiten – im Kampf mit einem eher universell agierenden Gegner zu verheizen. Doch das ist eine andere Geschichte...

Fazit:
Im Vergleich zum ersten Band "Brandland" stellt sich "Traumsaat" anfangs verworren und wenig fesselnd dar, gewinnt dann schließlich aber an Tempo. Obwohl beim Leser ein gewisses Da-hätte-man-mehr-draus-machen-können-Gefühl zurück bleibt, ist "Traumsaat" unterm Strich dennoch ein empfehlenswerter Roman.
9 Punkte

Frank Drehmel


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