Zum
Inhalt:
Der Horror-Autor Allen Blake Corbett bekommt von einem Informanten
bei der Polizei Hinweise auf Verbrechen und Tatorte, die ihn zu
seinen Romanen inspirieren könnten. Auf diese Weise kann er
schneller an den Tatorten sein, um noch möglichst viel von ihrer
morbiden Atmosphäre mitzubekommen. Doch was er diesmal sieht,
ist ihm bisher noch nicht untergekommen. Und es ist nicht der einzige
Fall dieser Art - auch beim nächsten Vollmond geschieht wieder
Ungeheuerliches. Langsam reift in ihm der Verdacht, daß die
Ursache dieser Morde nicht natürlich sein könnte. Zusammen
mit ein paar Gefährten versucht er, das Geheimnis der Morde zu
ergründen...
Der hierzulande eher unbekannte Autor Steve Vance legt mit dem "Mr.
Hyde Effekt" einen mehr oder weniger klassischen Werwolf-Roman vor,
der mit Splattereffekten nicht spart. Wer das nicht unbedingt mag,
wird mit diesem Roman seine Probleme haben.
Aber nicht nur in dieser Hinsicht ist der Roman recht
zwiespältig. Bei der Lektüre bekommt der Leser recht
schnell den Eindruck, daß der Autor eigentlich gar nicht so
genau wußte, welche Art Werwolf-Roman er schreiben wollte.
Dies beginnt beim Prolog, in dem geschildert wird, wie ein Mann
versucht, ein Geheimnis zu lüften, und von einem alten Schamanen
zum Werwolf gemacht wird. Hier wird beim Leser zuerst einmal (trotz
einiger recht heftiger Szenen) der Eindruck erweckt, daß er im
Nachfolgenden durchaus auch Einblicke in die psychologische Situation
des Werwolfs wider Willen erhält. Ein Vorversprechen, das der
Autor im nachfolgenden Text in keiner Weise einzulösen bereit
ist.
Statt dessen bekommt er in der ersten Hälfte des Romans eine
zwar recht spannend geschilderte, nichtsdestotrotz jedoch eher
uninspirierte und wenig originelle Werwolf-Jagd geboten, wie sie
schon von vielen Autoren des Genres geschildert wurde. Keiner glaubt
den "Spinnern"; nach und nach verdichten sich dann die Hinweise, bis
ein Mann schließlich gestellt und in einer Forschungsstation
eingeliefert wird, wo man ihn untersuchen und dem Geheimnis auf den
Grund gehen möchte. Soweit wirklich nichts Neues...
Die zweite Hälfte des Romans spielt dann ausschließlich in
eben diesem abgeschlossenen Forschungszentrum, das eigentlich
für die Erforschung von Kampfstoffen und Seuchenerregern
ausgerichtet und dementsprechend abgesichert ist. Natürlich
entkommt der Werwolf beim nächsten Vollmond, und es entwickelt
sich eine Jagd durch die Gänge des Zentrums, das von außen
durch militärische Kräfte versiegelt wurde, von deren Seite
man an einen biologischen Unfall glaubt. Die anwesenden Ärzte
und Reporter versuchen verzweifelt, die Nacht lebend zu
überstehen, während der Werwolf fröhlich vor sich
hinmetzelt.
In diesem Teil greift Vance zwar ab und zu ein wenig das
psychologische Motiv des Werwolfs auf, bleibt dabei aber leider
ziemlich platt. Statt dessen konzentriert er sich auf eine
beklemmende Aura der Gefahr, in der der Werwolf immer mal wieder
überraschend(?) auftaucht, um das eine oder andere Opfer zu
schlachten. Daraus entwächst zwar glücklicherweise keine
Splatter-Orgie, die nur noch den Sinn hat, sich selber darzustellen,
doch weit entfernt davon ist Vance hier nicht mehr. Über 200
Seiten zieht Vance diesen Teil des Romans, dessen Ausgang sich jeder
eigentlich schon vorher denken kann.
Gerade hier ist der Roman schlicht und ergreifend viel zu lang und
ausführlich geraten. Die Hälfte der Seiten hätte
sicherlich gereicht. Zumal der anfangs angesprochene Eindruck der
Zwiespältigkeit hier eindrucksvoll unter Beweis gestellt
wird.
Im ersten Teil ein konventioneller
"Wir-jagen-den-Werwolf-auch-wenn-uns-keiner-glaubt"-Roman, schwenkt
er im zweiten Teil zu einer reinen Materialschlacht, die mit dem
ersten Teil außer den Hauptpersonen nicht mehr viel gemeinsam
hat. Eine Art "Alien"-Szenario, das zwar spannend und unterhaltend,
aber sicherlich nicht innovativ ist. Es wäre wirklich
schöner, wenn der im Prolog versprochene psychologische Aspekt
des Romans insgesamt mehr im Vordergrund gestanden hätte.
Was am Ende bleibt, ist der Eindruck eines durchaus spannenden und
unterhaltenden Romans, der jedoch zu keiner Zeit in der Lage ist,
sich vom Standard-Niveau zu entfernen. Sozusagen solide Hausmannskost
für den Horror-Fan, der jedoch inzwischen Innovativeres gewohnt
ist.
In dieser Hinsicht kann ich verstehen, daß im Klappentext davon
die Rede ist, daß der Roman in den USA zu einem
Überraschungserfolg wurde - wobei ich die Betonung hier auf
"Überraschung" legen möchte. Denn überraschend ist es
allerdings, daß der Roman wirklich ein Erfolg wurde, trotz
aller Vorzüge, die er sicherlich aufzuweisen hat. Nur
Originalität ist sicherlich nicht zu diesen zu zählen.
Fazit:
"Der Mr. Hyde Effekt" bietet im ersten Teil einen geradezu
klassischen Werwolf-Roman, im zweiten Teil eine Art "Alien"-Szenario.
Beides ist weder innovativ noch originell, aber immerhin gut
geschrieben und spannend zu lesen. Wer einen guten
Standard-Horror-Roman zur "Entspannung" lesen möchte (und auf
eine gewisse Menge Splatter-Effekte steht), sollte hier durchaus
zugreifen. Eine höhere Bewertung wird jedoch leider von der
fehlenden Originalität verhindert.
9 Punkte.