Steve Vance:

"Der Mr. Hyde Effekt"

(Edition Metzengerstein - Band 20)
OT: The Hyde Effect
Ü: Andreas Diesel
USA 1989
(379 Seiten, Hardcover, Festa 2720, ISBN 3-935822-41-3, EUR 18,95)
- erschienen: Mai 2002 -

Zum Inhalt:
Der Horror-Autor Allen Blake Corbett bekommt von einem Informanten bei der Polizei Hinweise auf Verbrechen und Tatorte, die ihn zu seinen Romanen inspirieren könnten. Auf diese Weise kann er schneller an den Tatorten sein, um noch möglichst viel von ihrer morbiden Atmosphäre mitzubekommen. Doch was er diesmal sieht, ist ihm bisher noch nicht untergekommen. Und es ist nicht der einzige Fall dieser Art - auch beim nächsten Vollmond geschieht wieder Ungeheuerliches. Langsam reift in ihm der Verdacht, daß die Ursache dieser Morde nicht natürlich sein könnte. Zusammen mit ein paar Gefährten versucht er, das Geheimnis der Morde zu ergründen...

Der hierzulande eher unbekannte Autor Steve Vance legt mit dem "Mr. Hyde Effekt" einen mehr oder weniger klassischen Werwolf-Roman vor, der mit Splattereffekten nicht spart. Wer das nicht unbedingt mag, wird mit diesem Roman seine Probleme haben.
Aber nicht nur in dieser Hinsicht ist der Roman recht zwiespältig. Bei der Lektüre bekommt der Leser recht schnell den Eindruck, daß der Autor eigentlich gar nicht so genau wußte, welche Art Werwolf-Roman er schreiben wollte.
Dies beginnt beim Prolog, in dem geschildert wird, wie ein Mann versucht, ein Geheimnis zu lüften, und von einem alten Schamanen zum Werwolf gemacht wird. Hier wird beim Leser zuerst einmal (trotz einiger recht heftiger Szenen) der Eindruck erweckt, daß er im Nachfolgenden durchaus auch Einblicke in die psychologische Situation des Werwolfs wider Willen erhält. Ein Vorversprechen, das der Autor im nachfolgenden Text in keiner Weise einzulösen bereit ist.
Statt dessen bekommt er in der ersten Hälfte des Romans eine zwar recht spannend geschilderte, nichtsdestotrotz jedoch eher uninspirierte und wenig originelle Werwolf-Jagd geboten, wie sie schon von vielen Autoren des Genres geschildert wurde. Keiner glaubt den "Spinnern"; nach und nach verdichten sich dann die Hinweise, bis ein Mann schließlich gestellt und in einer Forschungsstation eingeliefert wird, wo man ihn untersuchen und dem Geheimnis auf den Grund gehen möchte. Soweit wirklich nichts Neues...
Die zweite Hälfte des Romans spielt dann ausschließlich in eben diesem abgeschlossenen Forschungszentrum, das eigentlich für die Erforschung von Kampfstoffen und Seuchenerregern ausgerichtet und dementsprechend abgesichert ist. Natürlich entkommt der Werwolf beim nächsten Vollmond, und es entwickelt sich eine Jagd durch die Gänge des Zentrums, das von außen durch militärische Kräfte versiegelt wurde, von deren Seite man an einen biologischen Unfall glaubt. Die anwesenden Ärzte und Reporter versuchen verzweifelt, die Nacht lebend zu überstehen, während der Werwolf fröhlich vor sich hinmetzelt.
In diesem Teil greift Vance zwar ab und zu ein wenig das psychologische Motiv des Werwolfs auf, bleibt dabei aber leider ziemlich platt. Statt dessen konzentriert er sich auf eine beklemmende Aura der Gefahr, in der der Werwolf immer mal wieder überraschend(?) auftaucht, um das eine oder andere Opfer zu schlachten. Daraus entwächst zwar glücklicherweise keine Splatter-Orgie, die nur noch den Sinn hat, sich selber darzustellen, doch weit entfernt davon ist Vance hier nicht mehr. Über 200 Seiten zieht Vance diesen Teil des Romans, dessen Ausgang sich jeder eigentlich schon vorher denken kann.
Gerade hier ist der Roman schlicht und ergreifend viel zu lang und ausführlich geraten. Die Hälfte der Seiten hätte sicherlich gereicht. Zumal der anfangs angesprochene Eindruck der Zwiespältigkeit hier eindrucksvoll unter Beweis gestellt wird.
Im ersten Teil ein konventioneller "Wir-jagen-den-Werwolf-auch-wenn-uns-keiner-glaubt"-Roman, schwenkt er im zweiten Teil zu einer reinen Materialschlacht, die mit dem ersten Teil außer den Hauptpersonen nicht mehr viel gemeinsam hat. Eine Art "Alien"-Szenario, das zwar spannend und unterhaltend, aber sicherlich nicht innovativ ist. Es wäre wirklich schöner, wenn der im Prolog versprochene psychologische Aspekt des Romans insgesamt mehr im Vordergrund gestanden hätte.
Was am Ende bleibt, ist der Eindruck eines durchaus spannenden und unterhaltenden Romans, der jedoch zu keiner Zeit in der Lage ist, sich vom Standard-Niveau zu entfernen. Sozusagen solide Hausmannskost für den Horror-Fan, der jedoch inzwischen Innovativeres gewohnt ist.
In dieser Hinsicht kann ich verstehen, daß im Klappentext davon die Rede ist, daß der Roman in den USA zu einem Überraschungserfolg wurde - wobei ich die Betonung hier auf "Überraschung" legen möchte. Denn überraschend ist es allerdings, daß der Roman wirklich ein Erfolg wurde, trotz aller Vorzüge, die er sicherlich aufzuweisen hat. Nur Originalität ist sicherlich nicht zu diesen zu zählen.

Fazit:
"Der Mr. Hyde Effekt" bietet im ersten Teil einen geradezu klassischen Werwolf-Roman, im zweiten Teil eine Art "Alien"-Szenario. Beides ist weder innovativ noch originell, aber immerhin gut geschrieben und spannend zu lesen. Wer einen guten Standard-Horror-Roman zur "Entspannung" lesen möchte (und auf eine gewisse Menge Splatter-Effekte steht), sollte hier durchaus zugreifen. Eine höhere Bewertung wird jedoch leider von der fehlenden Originalität verhindert.
9 Punkte.

Winfried Brand


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