"Höllenbrut"
ist - nach deutschem Veröffentlichungsmodus - der achte der
Necroscope-Reihe insgesamt und der dritte einer in sich
abgeschlossenen "Quasi-Trilogie". Die Handlung ist simpel, und die
nachfolgende kurze Zusammenfassung sollte zumindest demjenigen keine
Verständnisprobleme bereiten, der die beiden vorherigen Romane
gelesen hat.
Harry reist auf der Suche nach seinem Sohn, seiner Frau und dem
Agenten Simmons, die allesamt aus dem bekannten Universum
verschwunden sind, durch ein sogenanntes graues Tor in die Welt der
Wamphyri. Kaum dort angekommen, wird er in den Krieg zwischen dem
Herrn des Gartens und seinen Gefolgsleuten auf der einen Seite und
der vereinigten Streitmacht (fast) aller Wamphyri-Herrscher auf der
anderen Seite verwickelt. Auf der Erde spitzen sich unterdessen die
Dinge im russischen Perchorsk-Institut zu: Ein Monster dezimiert das
Personal des abgeschlossen Komplexes nach der
"Zehn-kleine-Negerlein-Standardvorgehensweise", während
gleichzeitig unter der Leitung des KGB-Offiziers Khuv versucht wird,
mit Hilfe von Elitesoldaten durch das Perchorsk-Tor einen
militärischen Stützpunkt auf der Wamphyri-Welt zu
errichten.
Und wieder muß eine Kritik mit dem unsäglichen
Veröffentlichungsmodus des Frank Festa-Verlags beginnen: Die ca.
530 Seiten des Originalromans "Necroscope 3: The Source" wurden in
drei handliche 200-Seiten-Portionen ("Das Dämonentor",
"Blutlust" und "Höllenbrut") transformiert. Es seien dem kleinen
Verlag die finanziellen Vorteile dieser Herausgeberidee gegönnt
- immerhin muß der Leser auf diese Weise für im Grunde
einen einzigen Roman rund EUR 30,- berappen - solange die
Qualität der Romane nicht unter der Zerstückelung und
sukzessiven Veröffentlichung in Zwei-Monats-Intervallen leidet.
Bedauerlicherweise belegt "Höllenbrut", daß eine solche
Vorgehensweise einer Vergewaltigung von Literatur gleichkommen kann,
zumindest wenn der Leser in seiner ersten Euphorie die Romane
zeitnahe am Erscheinungstermin liest und nicht wartet, bis die
komplette Übersetzung vorliegt. Dann nämlich entsteht das
Phänomen, daß erstens Spannungsbögen in der Luft
hängen, weil man sich mühsam an nicht erinnerungswerte
Details erinnern muß - besonders für Vielleser ein
nervenaufreibendes Unterfangen - und zweitens wichtige Charaktere
blaß und schwach bleiben. Im vorliegenden Fall zum Beispiel
sind Protagonisten (Zek, Simmons, Lady Karen, Lord Shaithis, die
Traveller), die in den beiden vorhergehenden Bänden relativ
sorgfältig aufgebaut und gezeichnet wurden, mit Ausnahme von
Khuv, als glaubwürdige Personen oder gar Sympathieträger
quasi inexistent.
Neben diesen dem Herausgeber anzulastenden Schwächen weist der
Roman jedoch auch einige inhaltliche Mängel auf, für die
eindeutig der Autor die Verantwortung trägt.
Als geradezu kläglich muß der Versuch Lumleys bewertet
werden, dem Moebius-Kontinuum ein gleichsam theoretisches Fundament
zu verleihen. Seine pseudowissenschaftlichen Ergüsse
bezüglich der Raum-Zeit erscheinen angestrengt, konstruiert,
widersprüchlich, unplausibel. Ein Blinder redet von Farben! Zu
schnell entlarven sich scheinbare Erklärungen als banale
Beschreibungen des an sich Unerklärlichen. Ebensogut hätte
der Autor versuchen können, die Auferstehung der Toten im
besonderen oder die Manifestation vielfältigster PSI-Kräfte
im allgemeinen physikalisch-theoretisch zu untermauern. Es erscheint
wie ein Versuch, mit einem Mehr an vermeintlicher Science das Zuviel
an Fiction zu kompensieren - denn mit "Höllenbrut" sprengt der
Autor eindeutig die Grenzen des Horror-Genres und entschweift in eine
Science Fiction, die allenfalls durch kleine - aber feine -
Splattereinlagen ihrem Ursprung Rechnung zollt.
Man mag einwerfen, daß gegen plausible und spannende "Science
Fiction"-Literatur an sich nichts einzuwenden sei. Richtig! Doch
leider versagt der vorliegende Roman auch in diesem Genre: Harry und
Sohnemann Harry Junior erweisen sich als so metamenschlich, als
solche Superwesen, daß nichts und niemand sie wirklich in die
Bredouille bringen kann: Wenn es brenzlig wird, mal eben ein
Moebiustor öffnen, und -zong oder ping - schon ist man in
Sicherheit. Als Beispiel für diese billigen Lösungen kann
der Krieg mit den Wamphyri herhalten: Als dieser auf Messers Schneide
steht, rasch die toten Traveller und Trogs erweckt, einen Schutzanzug
übergeworfen, zur Sonne gemoebiust, die Energie durch das
Kontinuum gebeamt - und schon tritt der eine oder andere
Wamphyri-Lord von der Bühne ab. So kommt kaum Spannung auf.
Eine gravierende Schwäche des Buches ist darüber hinaus,
daß kein wirklicher Sympathieträger vorhanden ist. Harry
(Sen.) verhält sich einerseits völlig irrational, um nicht
zu sagen strohdumm - z.B. als er sich bar jeder Logik aus
"ermittlungstechnischen" Gründen in der Wohnung des
verschwundenen Simmons einnistet - andererseits distanzieren seine
übermenschlichen Fähigkeiten, die er nervenderweise alle
"fünf Minuten" ausgiebig anwendet, ihn meilenweit vom
Otto-Normal-Leser. Und zu guter Letzt lassen ihn besonders die
Dispute und Dialoge mit dem toten Übergenie Moebius in einem
äußerst ungünstigen, besserwisserischen Licht
erscheinen, z.B. wenn der dem alten toten Mann irgendwelche abstrusen
Ideen bzgl. schwarzer, weißer oder grauer Löcher
unterjubelt: wie ein naseweises und altkluges Gör aus einer
schlechten (amerikanischen) Familienserie. Das Fazit eines Lesers,
der die Entwicklung Harrys in den bisherigen Bänden nicht
verfolgt hat, kann nur lauten: Was is'n das für'n Megaarsch!?
Über Harry Jun. erfährt der Leser lediglich, daß er
ein charismatischer Führer (mit einem kleinen "Makel") ist, dem
jeder - ob Mensch oder Mutant - willig und aus "Heimatliebe" in den
Tod folgt: zum Kotzen! Es bleibt also nichts anderes übrig, als
den skrupellosen, despotischen, technokratischen KGB-Agenten Khuv als
Identifikationsfigur zu erküren. Wirklich traurig!
Womit ich auch schon beim zweiten großen Handlungsstrang bin:
den Geschehnissen im Perchorsk-Institut. Hier verschenkt der Autor
einiges an Horror-Potential, weil er darauf verzichtet, die
klaustrophobisch beängstigende Stimmung, die dort mit dem
Auftauchen des Whampyri-Infizierten Einzug halten muß, subtil
und langsam aufzubauen. Eine herausgerissene Kehle hier, ein
zertrümmerter Schädel dort; das war's. Dennoch sind die
Perchorsk-Interludien mit Abstand die fesselndsten und
"glaubwürdigsten" Passagen des Romans.
Wenn man es denn versucht, so lassen sich "Höllenbrut" auch
einige positive Aspekte abringen: Lumleys Schreibstil ist nach wie
vor gefällig und flüssig, die deutsche Übersetzung
durch Michael Plogmann ambitioniert und lebendig. Kleinere
Stilblüten - beispielsweise als Harry zum toten Faethor "Leb
wohl!" sagt - können unter dem Stichwort "unfreiwillige Komik"
abgehakt werden. (* War möglicherweise "Farewell", in "Der
kleine Hobbit" (ungeschickt) mit "Fahrt wohl" übersetzt... aber
"Gehabt Euch wohl" oder "Gehet hin in Frieden" wäre vielleicht
auch nicht ganz so passend gewesen... ;-) Heike) Insofern ist das
Lesen dieses Buches nicht besonders "mühsam". Ein letzter Punkt,
der allerdings nicht wirklich ins Gewicht fällt: Die geniale
Covergestaltung ist - wie bei den Vorgängerbänden auch -
über jeden Zweifel erhaben.
Fazit:
Der bisher schwächste Roman der Necroscope-Reihe, bei dem trotz
eines gewissen Unterhaltungspotentials (auf "Groschenroman"niveau -
hiermit grüße ich alle MADDRAX- und TORN-Leser) die
negativen Aspekte eindeutig dominieren. Es wird allzu deutlich,
daß Lumley mit seinen ersten beiden Romanen "Necroscope 1" und
- mit Abstrichen - "Necroscope 2: Wamphyri!" anscheinend ein
glücklicher Ausrutscher nach dem Motto "blindes Huhn findet
Korn" gelungen ist, er sich ansonsten jedoch als ein
mittelmäßiger Autor trivial-belangloser
"Ich-weiß-auch-nicht-so-recht-was-ich-will-Literatur" erweist,
der simple Lösungen und unreflektierte Klischees
präferiert. Das Buch ist nur den Stammlesern zu empfehlen, die
glauben, unbedingt den Showdown auf dem Wamphyri-Planeten miterleben
zu müssen/wollen.
5 Punkte