Brian Lumley:

"Höllenbrut"

(Necroscope – Band 8)
OT: Necroscope 3: The Source
Ü: Michael Plogmann
(202 Seiten, Paperback, Festa Verlag 2808, ISBN 3-935822-46-4, EUR 10,-)
- erschienen: Mai 2002 -

"Höllenbrut" ist - nach deutschem Veröffentlichungsmodus - der achte der Necroscope-Reihe insgesamt und der dritte einer in sich abgeschlossenen "Quasi-Trilogie". Die Handlung ist simpel, und die nachfolgende kurze Zusammenfassung sollte zumindest demjenigen keine Verständnisprobleme bereiten, der die beiden vorherigen Romane gelesen hat.

Harry reist auf der Suche nach seinem Sohn, seiner Frau und dem Agenten Simmons, die allesamt aus dem bekannten Universum verschwunden sind, durch ein sogenanntes graues Tor in die Welt der Wamphyri. Kaum dort angekommen, wird er in den Krieg zwischen dem Herrn des Gartens und seinen Gefolgsleuten auf der einen Seite und der vereinigten Streitmacht (fast) aller Wamphyri-Herrscher auf der anderen Seite verwickelt. Auf der Erde spitzen sich unterdessen die Dinge im russischen Perchorsk-Institut zu: Ein Monster dezimiert das Personal des abgeschlossen Komplexes nach der "Zehn-kleine-Negerlein-Standardvorgehensweise", während gleichzeitig unter der Leitung des KGB-Offiziers Khuv versucht wird, mit Hilfe von Elitesoldaten durch das Perchorsk-Tor einen militärischen Stützpunkt auf der Wamphyri-Welt zu errichten.

Und wieder muß eine Kritik mit dem unsäglichen Veröffentlichungsmodus des Frank Festa-Verlags beginnen: Die ca. 530 Seiten des Originalromans "Necroscope 3: The Source" wurden in drei handliche 200-Seiten-Portionen ("Das Dämonentor", "Blutlust" und "Höllenbrut") transformiert. Es seien dem kleinen Verlag die finanziellen Vorteile dieser Herausgeberidee gegönnt - immerhin muß der Leser auf diese Weise für im Grunde einen einzigen Roman rund EUR 30,- berappen - solange die Qualität der Romane nicht unter der Zerstückelung und sukzessiven Veröffentlichung in Zwei-Monats-Intervallen leidet. Bedauerlicherweise belegt "Höllenbrut", daß eine solche Vorgehensweise einer Vergewaltigung von Literatur gleichkommen kann, zumindest wenn der Leser in seiner ersten Euphorie die Romane zeitnahe am Erscheinungstermin liest und nicht wartet, bis die komplette Übersetzung vorliegt. Dann nämlich entsteht das Phänomen, daß erstens Spannungsbögen in der Luft hängen, weil man sich mühsam an nicht erinnerungswerte Details erinnern muß - besonders für Vielleser ein nervenaufreibendes Unterfangen - und zweitens wichtige Charaktere blaß und schwach bleiben. Im vorliegenden Fall zum Beispiel sind Protagonisten (Zek, Simmons, Lady Karen, Lord Shaithis, die Traveller), die in den beiden vorhergehenden Bänden relativ sorgfältig aufgebaut und gezeichnet wurden, mit Ausnahme von Khuv, als glaubwürdige Personen oder gar Sympathieträger quasi inexistent.
Neben diesen dem Herausgeber anzulastenden Schwächen weist der Roman jedoch auch einige inhaltliche Mängel auf, für die eindeutig der Autor die Verantwortung trägt.
Als geradezu kläglich muß der Versuch Lumleys bewertet werden, dem Moebius-Kontinuum ein gleichsam theoretisches Fundament zu verleihen. Seine pseudowissenschaftlichen Ergüsse bezüglich der Raum-Zeit erscheinen angestrengt, konstruiert, widersprüchlich, unplausibel. Ein Blinder redet von Farben! Zu schnell entlarven sich scheinbare Erklärungen als banale Beschreibungen des an sich Unerklärlichen. Ebensogut hätte der Autor versuchen können, die Auferstehung der Toten im besonderen oder die Manifestation vielfältigster PSI-Kräfte im allgemeinen physikalisch-theoretisch zu untermauern. Es erscheint wie ein Versuch, mit einem Mehr an vermeintlicher Science das Zuviel an Fiction zu kompensieren - denn mit "Höllenbrut" sprengt der Autor eindeutig die Grenzen des Horror-Genres und entschweift in eine Science Fiction, die allenfalls durch kleine - aber feine - Splattereinlagen ihrem Ursprung Rechnung zollt.
Man mag einwerfen, daß gegen plausible und spannende "Science Fiction"-Literatur an sich nichts einzuwenden sei. Richtig! Doch leider versagt der vorliegende Roman auch in diesem Genre: Harry und Sohnemann Harry Junior erweisen sich als so metamenschlich, als solche Superwesen, daß nichts und niemand sie wirklich in die Bredouille bringen kann: Wenn es brenzlig wird, mal eben ein Moebiustor öffnen, und -zong oder ping - schon ist man in Sicherheit. Als Beispiel für diese billigen Lösungen kann der Krieg mit den Wamphyri herhalten: Als dieser auf Messers Schneide steht, rasch die toten Traveller und Trogs erweckt, einen Schutzanzug übergeworfen, zur Sonne gemoebiust, die Energie durch das Kontinuum gebeamt - und schon tritt der eine oder andere Wamphyri-Lord von der Bühne ab. So kommt kaum Spannung auf.
Eine gravierende Schwäche des Buches ist darüber hinaus, daß kein wirklicher Sympathieträger vorhanden ist. Harry (Sen.) verhält sich einerseits völlig irrational, um nicht zu sagen strohdumm - z.B. als er sich bar jeder Logik aus "ermittlungstechnischen" Gründen in der Wohnung des verschwundenen Simmons einnistet - andererseits distanzieren seine übermenschlichen Fähigkeiten, die er nervenderweise alle "fünf Minuten" ausgiebig anwendet, ihn meilenweit vom Otto-Normal-Leser. Und zu guter Letzt lassen ihn besonders die Dispute und Dialoge mit dem toten Übergenie Moebius in einem äußerst ungünstigen, besserwisserischen Licht erscheinen, z.B. wenn der dem alten toten Mann irgendwelche abstrusen Ideen bzgl. schwarzer, weißer oder grauer Löcher unterjubelt: wie ein naseweises und altkluges Gör aus einer schlechten (amerikanischen) Familienserie. Das Fazit eines Lesers, der die Entwicklung Harrys in den bisherigen Bänden nicht verfolgt hat, kann nur lauten: Was is'n das für'n Megaarsch!? Über Harry Jun. erfährt der Leser lediglich, daß er ein charismatischer Führer (mit einem kleinen "Makel") ist, dem jeder - ob Mensch oder Mutant - willig und aus "Heimatliebe" in den Tod folgt: zum Kotzen! Es bleibt also nichts anderes übrig, als den skrupellosen, despotischen, technokratischen KGB-Agenten Khuv als Identifikationsfigur zu erküren. Wirklich traurig!
Womit ich auch schon beim zweiten großen Handlungsstrang bin: den Geschehnissen im Perchorsk-Institut. Hier verschenkt der Autor einiges an Horror-Potential, weil er darauf verzichtet, die klaustrophobisch beängstigende Stimmung, die dort mit dem Auftauchen des Whampyri-Infizierten Einzug halten muß, subtil und langsam aufzubauen. Eine herausgerissene Kehle hier, ein zertrümmerter Schädel dort; das war's. Dennoch sind die Perchorsk-Interludien mit Abstand die fesselndsten und "glaubwürdigsten" Passagen des Romans.
Wenn man es denn versucht, so lassen sich "Höllenbrut" auch einige positive Aspekte abringen: Lumleys Schreibstil ist nach wie vor gefällig und flüssig, die deutsche Übersetzung durch Michael Plogmann ambitioniert und lebendig. Kleinere Stilblüten - beispielsweise als Harry zum toten Faethor "Leb wohl!" sagt - können unter dem Stichwort "unfreiwillige Komik" abgehakt werden. (* War möglicherweise "Farewell", in "Der kleine Hobbit" (ungeschickt) mit "Fahrt wohl" übersetzt... aber "Gehabt Euch wohl" oder "Gehet hin in Frieden" wäre vielleicht auch nicht ganz so passend gewesen... ;-) Heike) Insofern ist das Lesen dieses Buches nicht besonders "mühsam". Ein letzter Punkt, der allerdings nicht wirklich ins Gewicht fällt: Die geniale Covergestaltung ist - wie bei den Vorgängerbänden auch - über jeden Zweifel erhaben.

Fazit:
Der bisher schwächste Roman der Necroscope-Reihe, bei dem trotz eines gewissen Unterhaltungspotentials (auf "Groschenroman"niveau - hiermit grüße ich alle MADDRAX- und TORN-Leser) die negativen Aspekte eindeutig dominieren. Es wird allzu deutlich, daß Lumley mit seinen ersten beiden Romanen "Necroscope 1" und - mit Abstrichen - "Necroscope 2: Wamphyri!" anscheinend ein glücklicher Ausrutscher nach dem Motto "blindes Huhn findet Korn" gelungen ist, er sich ansonsten jedoch als ein mittelmäßiger Autor trivial-belangloser "Ich-weiß-auch-nicht-so-recht-was-ich-will-Literatur" erweist, der simple Lösungen und unreflektierte Klischees präferiert. Das Buch ist nur den Stammlesern zu empfehlen, die glauben, unbedingt den Showdown auf dem Wamphyri-Planeten miterleben zu müssen/wollen.
5 Punkte

Frank Drehmel


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