Gaslicht - Band 153:

"Haus des Verderbens"

Autor: Dirk Taeger

(Autorenpseudonym auf dem Cover: Catherine Ann Parker, 65 Seiten, Kelter, Heftroman, EUR 1,35, Bezug: www.romantruhe.de)
Homepage: http://www.kelter.de
Homepage des Autors: www.dirk-taeger.de

Die Studentin Amie MacGregor erfährt per Telegramm, daß ihre Mutter gestorben ist, und macht sich auf nach Dunnwall, Schottland (ich wollte schon immer mal diese dämlichen Hollywood-Einblendungen wie: "Moskau, Rußland" oder "London, England" verwenden!), um in dem Ort, in dem sie aufgewachsen ist, nach dem Rechten zu sehen. Dort angekommen, trifft sie ihre alte Jugendliebe James wieder und stellt fest, daß ihr arroganter Stiefbruder David möglicherweise Übles im Schilde führt. Hilfe bekommt sie von unerwarteter Seite: Ihre Mutter erscheint ihr - als Geist...

Geschrieben wurde dieser Roman von Dirk Taeger (Homepage s.o.!), der bisher einige Geschichten in Fanzines veröffentlicht hat und mit diesem Roman unter Pseudonym sein Debut im Heftromansektor gibt.
Dieser Band war eine gute Gelegenheit, mal in ein Genre reinzuschnuppern, das ich bisher links liegen gelassen hatte: Frauengrusel. Und ich konnte feststellen, so viel "anders" ist das gar nicht. Als wesentliche Elemente waren eigentlich nur auszumachen, daß die Heldin weiblich ist (was ja nun auch in "Männerromanen" durchaus vorkommt), daß es eine sanft angedeutete Liebesgeschichte gibt und daß der Roman in einem familiären Umfeld spielt - und nicht irgendein Ermittler oder Monsterjäger tätig ist. Alles in allem also nicht so unterschiedlich zu den einschlägigen Gruselheftromanen für Männer (die selbstverständlich auch von Frauen gelesen werden!).
Ach ja, noch ein Unterschied: Da ich zu den Leuten gehöre, die Heftromane nicht wegschließen, wenn Besuch kommt, wurde ich dieses mal noch seltsamer angesehen (auf dem Titel steht: "Der Spannungsroman für die Frau") als sonst, wenn jemand dieses Heft bei mir rumliegen sah...

Aber nun zurück zum eigentlichen Roman.
Zumindest für meinen Geschmack waren die beiden Elemente Liebe und Grusel nicht in ausreichendem Maß vorhanden.
Fangen wir erst einmal mit der Liebe an. Liebesgeschichten leben in der Regel davon, daß man an dem Kribbeln teilnehmen darf, wenn sich zwei Menschen näherkommen, bis sie sich, natürlich nach vielen Verwicklungen, endlich kriegen. Dieser Möglichkeit beraubt sich der Autor, denn das Liebespaar kennt sich schon von früher und braucht daher die Liebe nur, salopp formuliert, "aufzuwärmen". Ferner war mir die Liebesgeschichte zu schematisch; zumindest mir reicht es nicht, wenn immer mal wieder zwischendurch ein Kribbeln im Bauch, ein Händchenhalten oder ein Küßchen erwähnt wird. Ich bin zwar auf diesem Gebiet der Literatur kein Experte - ein schön geschriebener Liebesroman (wie z.B. Duras' "Der Liebhaber") vermag mich aber durchaus zu verzaubern. Eine knisternde Spannung oder gar eine Verzauberung vermochte ich hier aber nicht zu verspüren, dafür kochte das alles viel zu sehr auf Sparflamme. Ach ja: Ich rede hier tatsächlich von Romantik und nicht von Sex. ;-)

Nun zum Grusel: Auch hier hatte ich leider das Gefühl, daß nur auf Sparflamme gekocht wurde. Die Geistererscheinungen werden nicht zur Erzeugung einer unheimlichen Stimmung genutzt, sondern nur als stichwortgebende Hilfe für die Heldin, und ansonsten leidet der Roman darunter, daß er sehr vorhersehbar ist: Heldin hat einen bösen Stiefbruder – im Keller des Hauses ist ein verschlossener Raum, in dem unheimliche Dinge passieren – na, wie wird das Finale wohl aussehen? Erschwerend kommt noch hinzu, daß dem Autor am Ende offensichtlich die Seiten ausgingen; das Finale wirkt sehr abrupt und findet auf gerade mal knapp zwei Seiten statt, nach denen der Roman dann auch endet. Nicht mal ein "ordentlicher" Abschluß der Liebesgeschichte wird uns dann gegönnt; in einem sehr kurzen Absatz wird lediglich erzählt, daß aus unserem Paar wohl etwas "werden wird".
Positiv anzumerken ist aber, daß der Plot (natürlich gibt es in einer Geistergeschichte auch ein dunkles Familiengeheimnis) halbwegs anständig erdacht und konstruiert ist - und daß der Roman sich recht flüssig liest und ich mich nicht zwingen mußte, ihn zu beenden.

Was mich aber in höchstem Maß verwundert hat: Der Roman hat augenscheinlich kein Lektorat erfahren, was umso eigenartiger ist, da er bei Kelter, einem der großen Heftromanverlage, erschienen ist. Das, was ich an "Klöpsen" in diesem Roman vorfand, ist teilweise nicht einmal in einem der grundsätzlich unlektorierten Romane des inzwischen fast legendären Verlags Wilbert bisher aufgetaucht. Es fängt bei offensichtlich falsch geschriebenen Wörtern an, die teilweise die Rechtschreibprüfung hätte finden müssen, wie "woltle" statt "wollte" (Seite 24), oder die sie nicht finden kann, wie "Geisel der Pubertät" statt "Geißel der Pubertät" (S. 10).
Fernerhin wurde seitens des Lektorats auch bei stilistischen Entgleisungen nicht eingegriffen. Eine Formulierung wie "Gruseliges Geleier" (S. 13) sorgt eher für Heiterkeitsausbrüche als für unheimliche Stimmung; und wenn sich eine Tür mit einem "Rumps" (S. 35) schließt, wäre es möglich, daß ich vielleicht nicht alle regionalen Dialekte kenne; ich bin mir aber sicher, daß so ein Wort in einem augenscheinlich auf Hochdeutsch verfaßten Roman nichts zu suchen hat.
Wesentlich schwerer wiegen aber Fehler, die beim Leser sogar für Verwirrung sorgen. So steht auf Seite 30 "begrüßte er sie", obwohl da "begrüßte sie ihn" hätte stehen müssen; und eine Seite weiter folgt auf den Satz: "’Ihr konntet euch noch nie leiden’ warf Amie ein" die Antwort "Du doch auch nicht" statt "Du ihn doch auch nicht".
Am schwersten wiegt aber, daß zweimal die Vornamen des Liebhabers James und des Stiefbruders David vertauscht werden (S. 16, 26). Hier muß man wirklich erst einmal innehalten und sortieren. Ich freue mich zwar, wenn ich bei einem Roman zum Mitdenken angeregt werde, aber nicht aus diesem Grund!
Abschließend fand ich es noch sehr verwunderlich, daß von den sehr wenigen Nebenfiguren, die in dem Roman auftauchen, zwei auch noch den gleichen Namen haben. Sowohl die Mitbewohnerin der Heldin in Edinburgh (S.3) als auch eine Verkäuferin im Heimatdorf der Hauptperson (S. 29) heißen Sarah Ferguson. Wenn dies kein bewußt eingestreuter Insider war, den ich nicht verstanden habe, würde ich doch vorschlagen, die Leserschaft nicht mit gleichen Namen zu verwirren, wenn es nicht sein muß.

Normalerweise lese ich Romane nicht mit Argusaugen und Lupe und suche auch nicht bewußt nach Fehlern; wenn aber einer auf den anderen folgt, fange ich schon an, während der Lektüre mir eine Liste anzufertigen. Das kommt sehr selten vor; dieser Roman war aber mal wieder so ein Fall.

Welche Erkenntnisse habe ich nun nach der Lektüre dieses Romans gewonnen? Drei Dinge: Frauengrusel liest sich nicht sonderlich anders, bei Kelter wurde in diesem Fall nicht lektoriert oder, vorsichtig ausgedrückt, nicht sonderlich gründlich (ich weiß aus eigener Erfahrung, daß das kein leichter Job ist, aber, liebe Leute...!) und daß mir dieser Roman nicht gefallen hat, so daß ich ihn leider nicht weiterempfehlen kann.

Fazit:
Ein Frauengrusler, der in den Abteilungen "Liebe" und "Grusel" leider zu sehr auf Sparflamme kocht und dadurch nur wenig unterhält. Auch wenn er sich halbwegs flüssig liest, wird einem die Lektüre durch ein anscheinend nicht erfolgtes Lektorat mit daraus resultierenden, wirklich schweren Fehlern jeglicher Art verleidet.
2 Punkte.

Oliver Naujoks

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