Die Studentin Amie MacGregor erfährt per Telegramm, daß
ihre Mutter gestorben ist, und macht sich auf nach Dunnwall,
Schottland (ich wollte schon immer mal diese dämlichen
Hollywood-Einblendungen wie: "Moskau, Rußland" oder "London,
England" verwenden!), um in dem Ort, in dem sie aufgewachsen ist,
nach dem Rechten zu sehen. Dort angekommen, trifft sie ihre alte
Jugendliebe James wieder und stellt fest, daß ihr arroganter
Stiefbruder David möglicherweise Übles im Schilde
führt. Hilfe bekommt sie von unerwarteter Seite: Ihre Mutter
erscheint ihr - als Geist...
Geschrieben wurde dieser Roman von Dirk Taeger (Homepage s.o.!), der
bisher einige Geschichten in Fanzines veröffentlicht hat und mit
diesem Roman unter Pseudonym sein Debut im Heftromansektor gibt.
Dieser Band war eine gute Gelegenheit, mal in ein Genre
reinzuschnuppern, das ich bisher links liegen gelassen hatte:
Frauengrusel. Und ich konnte feststellen, so viel "anders" ist das
gar nicht. Als wesentliche Elemente waren eigentlich nur auszumachen,
daß die Heldin weiblich ist (was ja nun auch in
"Männerromanen" durchaus vorkommt), daß es eine sanft
angedeutete Liebesgeschichte gibt und daß der Roman in einem
familiären Umfeld spielt - und nicht irgendein Ermittler oder
Monsterjäger tätig ist. Alles in allem also nicht so
unterschiedlich zu den einschlägigen Gruselheftromanen für
Männer (die selbstverständlich auch von Frauen gelesen
werden!).
Ach ja, noch ein Unterschied: Da ich zu den Leuten gehöre, die
Heftromane nicht wegschließen, wenn Besuch kommt, wurde ich
dieses mal noch seltsamer angesehen (auf dem Titel steht: "Der
Spannungsroman für die Frau") als sonst, wenn jemand dieses Heft
bei mir rumliegen sah...
Aber nun zurück zum eigentlichen Roman.
Zumindest für meinen Geschmack waren die beiden Elemente Liebe
und Grusel nicht in ausreichendem Maß vorhanden.
Fangen wir erst einmal mit der Liebe an. Liebesgeschichten leben in
der Regel davon, daß man an dem Kribbeln teilnehmen darf, wenn
sich zwei Menschen näherkommen, bis sie sich, natürlich
nach vielen Verwicklungen, endlich kriegen. Dieser Möglichkeit
beraubt sich der Autor, denn das Liebespaar kennt sich schon von
früher und braucht daher die Liebe nur, salopp formuliert,
"aufzuwärmen". Ferner war mir die Liebesgeschichte zu
schematisch; zumindest mir reicht es nicht, wenn immer mal wieder
zwischendurch ein Kribbeln im Bauch, ein Händchenhalten oder ein
Küßchen erwähnt wird. Ich bin zwar auf diesem Gebiet
der Literatur kein Experte - ein schön geschriebener Liebesroman
(wie z.B. Duras' "Der Liebhaber") vermag mich aber durchaus zu
verzaubern. Eine knisternde Spannung oder gar eine Verzauberung
vermochte ich hier aber nicht zu verspüren, dafür kochte
das alles viel zu sehr auf Sparflamme. Ach ja: Ich rede hier
tatsächlich von Romantik und nicht von Sex. ;-)
Nun zum Grusel: Auch hier hatte ich leider das Gefühl, daß
nur auf Sparflamme gekocht wurde. Die Geistererscheinungen werden
nicht zur Erzeugung einer unheimlichen Stimmung genutzt, sondern nur
als stichwortgebende Hilfe für die Heldin, und ansonsten leidet
der Roman darunter, daß er sehr vorhersehbar ist: Heldin hat
einen bösen Stiefbruder im Keller des Hauses ist ein
verschlossener Raum, in dem unheimliche Dinge passieren na,
wie wird das Finale wohl aussehen? Erschwerend kommt noch hinzu,
daß dem Autor am Ende offensichtlich die Seiten ausgingen; das
Finale wirkt sehr abrupt und findet auf gerade mal knapp zwei Seiten
statt, nach denen der Roman dann auch endet. Nicht mal ein
"ordentlicher" Abschluß der Liebesgeschichte wird uns dann
gegönnt; in einem sehr kurzen Absatz wird lediglich
erzählt, daß aus unserem Paar wohl etwas "werden
wird".
Positiv anzumerken ist aber, daß der Plot (natürlich gibt
es in einer Geistergeschichte auch ein dunkles Familiengeheimnis)
halbwegs anständig erdacht und konstruiert ist - und daß
der Roman sich recht flüssig liest und ich mich nicht zwingen
mußte, ihn zu beenden.
Was mich aber in höchstem Maß verwundert hat: Der Roman
hat augenscheinlich kein Lektorat erfahren, was umso eigenartiger
ist, da er bei Kelter, einem der großen Heftromanverlage,
erschienen ist. Das, was ich an "Klöpsen" in diesem Roman
vorfand, ist teilweise nicht einmal in einem der grundsätzlich
unlektorierten Romane des inzwischen fast legendären Verlags
Wilbert bisher aufgetaucht. Es fängt bei offensichtlich falsch
geschriebenen Wörtern an, die teilweise die
Rechtschreibprüfung hätte finden müssen, wie "woltle"
statt "wollte" (Seite 24), oder die sie nicht finden kann, wie
"Geisel der Pubertät" statt "Geißel der Pubertät" (S.
10).
Fernerhin wurde seitens des Lektorats auch bei stilistischen
Entgleisungen nicht eingegriffen. Eine Formulierung wie "Gruseliges
Geleier" (S. 13) sorgt eher für Heiterkeitsausbrüche als
für unheimliche Stimmung; und wenn sich eine Tür mit einem
"Rumps" (S. 35) schließt, wäre es möglich, daß
ich vielleicht nicht alle regionalen Dialekte kenne; ich bin mir aber
sicher, daß so ein Wort in einem augenscheinlich auf
Hochdeutsch verfaßten Roman nichts zu suchen hat.
Wesentlich schwerer wiegen aber Fehler, die beim Leser sogar für
Verwirrung sorgen. So steht auf Seite 30 "begrüßte er
sie", obwohl da "begrüßte sie ihn" hätte stehen
müssen; und eine Seite weiter folgt auf den Satz: "Ihr
konntet euch noch nie leiden warf Amie ein" die Antwort "Du
doch auch nicht" statt "Du ihn doch auch nicht".
Am schwersten wiegt aber, daß zweimal die Vornamen des
Liebhabers James und des Stiefbruders David vertauscht werden (S. 16,
26). Hier muß man wirklich erst einmal innehalten und
sortieren. Ich freue mich zwar, wenn ich bei einem Roman zum
Mitdenken angeregt werde, aber nicht aus diesem Grund!
Abschließend fand ich es noch sehr verwunderlich, daß von
den sehr wenigen Nebenfiguren, die in dem Roman auftauchen, zwei auch
noch den gleichen Namen haben. Sowohl die Mitbewohnerin der Heldin in
Edinburgh (S.3) als auch eine Verkäuferin im Heimatdorf der
Hauptperson (S. 29) heißen Sarah Ferguson. Wenn dies kein
bewußt eingestreuter Insider war, den ich nicht verstanden
habe, würde ich doch vorschlagen, die Leserschaft nicht mit
gleichen Namen zu verwirren, wenn es nicht sein muß.
Normalerweise lese ich Romane nicht mit Argusaugen und Lupe und suche
auch nicht bewußt nach Fehlern; wenn aber einer auf den anderen
folgt, fange ich schon an, während der Lektüre mir eine
Liste anzufertigen. Das kommt sehr selten vor; dieser Roman war aber
mal wieder so ein Fall.
Welche Erkenntnisse habe ich nun nach der Lektüre dieses Romans
gewonnen? Drei Dinge: Frauengrusel liest sich nicht sonderlich
anders, bei Kelter wurde in diesem Fall nicht lektoriert oder,
vorsichtig ausgedrückt, nicht sonderlich gründlich (ich
weiß aus eigener Erfahrung, daß das kein leichter Job
ist, aber, liebe Leute...!) und daß mir dieser Roman nicht
gefallen hat, so daß ich ihn leider nicht weiterempfehlen
kann.
Fazit:
Ein Frauengrusler, der in den Abteilungen "Liebe" und "Grusel" leider
zu sehr auf Sparflamme kocht und dadurch nur wenig unterhält.
Auch wenn er sich halbwegs flüssig liest, wird einem die
Lektüre durch ein anscheinend nicht erfolgtes Lektorat mit
daraus resultierenden, wirklich schweren Fehlern jeglicher Art
verleidet.
2 Punkte.