William King:

»Wolfskrieger«

(Ein Warhammer 40.000-Roman)
OT: Space Wolf
Ü: Christian Jentzsch
(364 Seiten, Taschenbuch, Heyne 06/5557, ISBN: 3-453-21318-1, EUR 7,95)
- erschienen: August 2002

Fast vier Jahre hat der Heyne-Verlag seit Veröffentlichung des letzten "Warhammer 40.000"-Romans ("Kind des Chaos") verstreichen lassen, bevor mit "Wolfskrieger" der sechste Band dieses (auf dem gleichnamigen Tabletopspiel von Games Workshop basierenden) düsteren Zukunftsepos folgte.
Dem Leser, der zusätzliche, erhellende Informationen über den Clan der Space Wolves sucht, um die sich in diesem Buch die Geschichte rankt, seien vorab folgende Literaturhinweise gegeben: 1) White Dwarf 55, S.46 ff., Die Geburt eines Space Marines; 2) WD 52, S. 8 ff. Söhne des Russ (ein Preview über den Codex Space Wolves), 3) WD 53, S. 40 f., Die Wölfe von Fenris; S. 42 ff., Die verlorenen Großkompanien; 4) Der Codex Space Wolves.

Ragnar liegt im Sterben; die Vergangenheit zieht an seinem inneren Auge vorbei: Einst fristete er ein karges Leben als Fischer und Krieger an den Gestaden einer kleinen Insel auf Fenris, der Heimatwelt der Space Wolves, bis eines Tages sein Clan – die Donnerfäuste – wegen einer uralten Fehde von den Grimmschädeln niedergemetzelt wurde. Ragnar blieb jedoch ein ehrenhafter Tod auf dem Schlachtfeld versagt, da ein Wolfpriester den zu Tode Verwundeten auserwählte, seine Fähigkeiten in den Dienst des Imperators zu stellen und um seine Aufnahme in den Clan der Space Wolves zu kämpfen.
Allen Fährnissen und Widrigkeiten des harten Überlebenskampfes im Lager, dem sadistischen Ausbilder Hengist, dem brennenden Haß gegen den ebenfalls erwählten Strybjörn Grimmschädel, welcher einer seiner Klauenbrüder wurde, dem genetischen Transformationsprozeß und den vielen notwendigen Operationen trotzend, gelang es unserem jungen Recken schließlich, in den Rang einer Blutkralle – dem niedrigsten Rang eines vollwertigen Space Wolves – erhoben zu werden, bis er und seine kleine Schar den Befehl erhielten, gegen Chaos-Kultisten und ihren übermächtigen Anführer ins Feld zu ziehen. Und nun liegt Ragnar im Sterben...

Dem informierten Leser dürfte William King als Verfasser der unterhaltsamen und zum Teil urkomischen "Felix & Gotrek"-Romane bekannt sein, deren Handlung in Games Workshops "Warhammer Fantasy"-Welt angesiedelt ist. In "Wolfskrieger" zeigt King nun eine andere Facette seines schriftstellerischen Schaffens, und zwar beileibe keine sehr strahlende:

Auch wenn Kings Schreibstil nach wie vor flüssig und gut lesbar ist, die Übersetzung durch Jentzsch kaum etwas zu wünschen übrig läßt, so kommt die Story selbst staubtrocken, ohne den geringsten Anflug von Humor und letztendlich auch überaus phantasiearm daher. Ragnars 08/15-US-Marine- oder Navy-Seals-Ausbildung kann man in ähnlicher Weise in unzähligen einschlägigen Hollywoodfilmen fassungslos bestaunen (bspw. in – um einen der besseren zu nennen – "Full Metal Jacket"); die Transformation Ragnars und seiner Kameraden in wölfische Un- bzw. Metamenschen wird vom Autor oberflächlich trivial abgehandelt. Ein solcher oder – im zweiten Fall – vergleichbarer Transformationsprozeß eines Homo Sapiens in einen Homo Superior wird um ein vielfaches eindinglicher oder nachvollziehbarer z.B. in Ian Watsons "Space Marine" (Band 2 der Warhammer 40.000-Serie) oder Storm Constantines "Der Zauber von Fleisch und Geist" (Band 1 der Wraeththu-Trilogie) – beide bei Heyne erschienen – beschrieben. Wäre der Autor wenigstens seinem humoristischen "Felix & Gotrek"-Stil treu geblieben, indem er die Implementation der Canis-Helix ins menschliche Genom (mit Überlegungen zu Space-Pinschern, Mops-Marines oder dem Beineheben an Hydranten) kommentiert hätte, so ließe sich diesem drögen Roman zumindest auf der komischen Ebene ein klein wenig Positives abgewinnen; stattdessen aber: tote Servo-Hose!

Doch die gediegene Langeweile, die diese Story aufgrund ihrer Vorhersehbarkeit vermittelt, ist meines Erachtens nicht das zentrale Problem des Buches. Es ist das faschistoide Gedankengut, welches "Wolfskrieger" atmet – garniert mit einem unerträglichen Sozialdarwinismus – das den "aufgeklärten" Leser, der seinen "Bakunin" und "Kropotkin" auswendig kennt (* Zu meiner Schande und Unehre muß ich eingestehen, daß ich die nicht auswendig kenne... Heike), erschauern lassen sollte, weil es wie selbstverständlich zum handlungsbestimmenden bzw. -tragenden Element wird, wobei die Space Wolves-spezifischen, nordisch klingenden Namen der Protagonisten sowie die zahlreichen Anlehnungen an die "Mythologie der Nordmänner" (Asaheim etc.) wie ein diese Tendenzen verstärkender Aspekt wirken.

Das Gute oder Schlimme – je nachdem, wie man es betrachten will – daran ist, daß man King bezüglich des faschistoid-rassistischen Grundtenors nicht einmal einen allzugroßen Vorwurf machen kann, denn die Space Wolves sind wie sämtliche Orden/Clans der ersten "Space Marine"-Generation in einer solch faschistoiden Weise von den Games Workshops-Spieleentwicklern konzipiert worden. Insofern geht die Kritik im folgenden etwas über den vorliegenden Roman hinaus: angefangen bei dem zentralen Element der Space-Marine-Ideologie, dem totalitaristischen Führerprinzip mit seiner Mystifizierung und Überhöhung irgendwelcher dubiosen Primarchen – der GröFaZ der Space Wolves heißt Leman Russ – über die sektiererische Abgrenzung der einzelnen Orden gegen andere Gemeinschaften, die gnaden- und mitleidlose Verfolgung und Vernichtung "subversiver, ketzerischer Elemente" – seien es Rebellen, die sich gegen die absolutistisch anmutende Gewaltenausübung des trerranischen Imperators und seiner klerikal-weltlichen Schergen erheben, oder vom Chaos gezeichnete Mutanten – die Versklavung regimenützlicher Individuen als Servitoren oder Astropathen, die endlösungsgleiche Vernichtung ganzer Planeten(systeme) – dem Exterminatus – bis hin zu einem ethischen Wertesystem, das sich in Begriffen wie "Ruhm", "Ehre" und "bedingungslose Loyalität bis in den Tod" erschöpft und in dem andere ur-menschliche Gefühle wie Liebe, Gnade, Mitgefühl oder Trauer als schwächlich und schändlich gebrandmarkt werden.

Der Vorwurf, den man dem Autor jedoch machen muß, ist, daß er sich in keinster Weise von diesen faschistoiden Gedankengut distanziert, es in Frage stellt oder es zumindest diskutiert, wobei er jene notwendige Distanz vermissen läßt, die sich eine Vielzahl kritischer Warhammer 40.000-Spieler und -entwickler zu eigen gemacht hat. (By the way: Da aus der Sicht eines begnadeten Künstlers – nämlich meiner – die Space-Marine-Figürchen von Design und Farbschemata her die langweiligsten des gesamten Warhammer-40.000-Tabletop-Spieles sind, könnte man in böswilliger Weise denen, die diese Armeen dennoch spielen, eine nicht ganz koschere – sorry, aber das mußte sein (* Also, ich habe mit dem Wort "koscher" jedenfalls kein Problem! Worte, mit denen ich Probleme habe, werden ersetzt. :-) Heike) – Gesinnung unterstellen; ich warte auf den Tag, an dem Möchtegern-Kriegsherren rot-weiß-schwarz-bemalte Mini-Landser mit dem Horst-Wessel-Lied auf den Lippen in die Schlacht gegen alles Fremde führen...)

Fazit:
Auch wenn Kings Stil nach wie vor gefällig ist, die Story viel Action bietet und die Protagonisten stringent handeln, so disqualifiziert die faschistoide szenariobedingte Grundtendenz, von der sich der Autor nicht hinreichend distanziert und die nicht in Frage gestellt wird, dieses Buch so eindeutig, daß sogar der Mangel an Originalität bei einer Bewertung nicht weiter ins Gewicht fällt. Ungetrübten Lesegenuß dürften daher nur Individuen durch und durch arischer Abstammung (* Sprich: niemand? Schließlich gibt's davon noch weniger als Yetis... Heike) und Marine-Fetischisten (* Na gut, davon gibt's ja wohl ein paar... Heike) empfinden. Allen anderen sei geraten: Hände weg von diesem militaristischen Schund! Aus überwiegend politisch Gründen:
0 Punkte.

Frank Drehmel


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