Norman Spinrad:

"Die Transformation"

OT: He Walked Among Us
Ü: Horst Pukallus
D 2002
(1116 Seiten, Taschenbuch, Heyne 06/6419, ISBN 3-453-21352-1, EUR 14,95)
- erschienen: Mai 2002 -

Zum Inhalt:
Jimmy Balaban, seines Zeichens Künstleragent, entdeckt in einer Kleinstadtkneipe den Komiker Ralf, der behauptet, aus der Zukunft zu stammen, und der in seinem Programm die Zuschauer aufs Übelste beschimpft. Jimmy erkennt ein gewisses Potential und nimmt Ralf unter Vertrag. Tatsächlich dauert es nicht lange, bis er Ralf TV-Auftritte verschaffen kann. Und schließlich bekommt er seine eigene TV-Show, für die unter anderem auch der SF-Schriftsteller Dexter Lampkin verpflichtet wird, der sich allgemein eher schlecht als recht über Wasser hält. Sein berühmtestes Werk ist ein Roman namens "Die Transformation", von dem er immer noch zehrt, der seine Bekanntheit im Fandom begründet. Aber die wirkliche Frage ist eigentlich: Wer ist Ralf? Sind seine Beschreibungen über die Zukunft mehr als nur reine Hirngespinste? Stimmt seine Geschichte wirklich?

Norman Spinrad ist sicherlich einer der umstrittensten SF-Autoren überhaupt. In den USA werden seine Romane praktisch nicht mehr veröffentlicht, und so ist auch "Die Transformation" nicht nur eine deutsche Erst-, sondern eine Originalveröffentlichung. Habe ich dies bei seinem letzten Roman, "Das tropische Millennium" (Rezension in Flash Nr. 114), noch keineswegs nachvollziehen können, so ändert sich dies bei der "Transformation".
Der Roman ist eigentlich sehr schön (und von Horst Pukallus hervorragend übersetzt), bietet dem Leser aber eher eine langwierige Lektüre. (Wobei ich "langwierig" keinesfalls mit "langweilig" gleichsetzen möchte!) Im Großen und Ganzen handelt es sich bei diesem Roman jedoch um Spinrads Abrechnung mit den SF publizierenden Verlagen sowie dem Fandom.
Gerade letzteres bekommt in diesem Roman so ziemlich sein Fett weg. Es gibt Parodien auf SF-Fans wie auch auf Cons; die "Globuloiden" (im Bauchumfang verstärkten) SF-Fans ziehen sich mehr oder weniger durch den kompletten Roman. Das ist eine Sache, die zumindest die amerikanischen Fans wahrscheinlich weniger lustig finden werden. (* Dazu kann ich nur sagen, daß es wahrscheinlich die allerwenigsten Leute wirklich lustig finden würden, wenn man ihr Aussehen durch den Kakao zieht, selbst wenn sie für eben jenes Aussehen größtenteils selbst verantwortlich sein dürften... Schilddrüsenpatienten wie ich latürnich ausgenommen. ;-) Heike) Nichtsdestotrotz hat der Roman genau in diesen Szenen seine größten Stärken. Wer selbstkritisch an die Sache herangeht, wird hier sicherlich viel Spaß haben.
Vor allem, wenn Spinrad sich auch gleich noch selbst auf die Schippe nimmt. Es gibt nicht wenige Szenen, in denen Dexter Lampkin die eine oder andere Anekdote von sich gibt, die mit einem gewissen Norman Spinrad zusammenhängt. Diese Szenen der Selbstironie sind sicherlich zu den Höhepunkten des Romans zu zählen.
Aber genau damit hat es sich dann auch schon. Hier liegt der große Knackpunkt der Geschichte. Muß man um eine Parodie bezüglich des Fandoms herum wirklich einen 1100seitigen Roman schreiben?!? Muß man diesen Umfang herausbringen, nur um den Medien-Fans einen reinzuwürgen?!? Ich glaube eher nicht...
Ich selber fühle mich auch von diversen Szenen des Romans durchaus karikiert und kann sehr gut darüber lachen - aber genau diese Szenen sind es, die mich bis zum Ende bei der Stange gehalten haben. Ich kann über mich lachen, ich kann über Spinrads Fandom-Schilderungen lachen, aber das reicht insgesamt nicht für einen solchen Roman.
Denn die Handlung hier ist nicht gerade eine von Spinrads Großtaten. Da wurstelt sich eine Esoterik-Tante durch die Seiten, da gibt es den Abstieg einer "Lotter-Lotti" von der Burger-Bedienung in die Tiefen der Kanalisation (hervorragend beschrieben, aber "interessant" ist etwas anderes...). Vor allem bei letzterer fragt sich der Leser über den kompletten Roman hinweg, was dies denn nun eigentlich soll. Erst ganz am Ende kommt diese Lotti in die Haupthandlung hinein, trägt aber auch eher dazu bei, daß das Ende ziemlich enttäuschend verläuft. Gerade das Ende dieses Romans ist mehr als nur unbefriedigend für den Leser. Der ganze Roman ist eigentlich nicht mehr als rund 200 Seiten wert, wenn man die interessanten Stellen zusammennimmt. Vieles hätte man streichen können, m.E. auch ganze Handlungsbögen, die einfach nur uninteressant und langweilig sind. Die Fandom-Parodien retten hier vieles - können aber nicht über die Schwächen hinwegtäuschen. Und wer nicht über sich selbst lachen kann, wird diesen Roman sowieso hassen...

Fazit:
Ein schwacher "Spinrad". Deutlich rund 80% des Umfangs sind schlicht und ergreifend unnötig. Die restlichen 20% enthalten jedoch eine hervorragende Parodie auf die Gemeinschaft der SF-Fans und auch auf Norman Spinrad selber. Aber auch dieser Lese-Anreiz ist spätestens nach rund 700 Seiten dahin. Den Roman komplett zu lesen ist jedenfalls ziemlich harte Arbeit. Insgesamt ein eher schwacher Roman Spinrads, von dem ich besseres gewohnt bin.
7 Punkte.

Winfried Brand


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