Zum
Inhalt:
2110 führt Reid Malenfant als Verantwortlicher der Firma
"Bootstrap" ein geradezu revolutionäres Programm durch: Er will
mit recycelten Wegwerf-Raketen den Asteroidengürtel ausbeuten.
Die NASA hingegen hat ihr Raumfahrtprogramm dabei nahezu gestrichen,
hält jedoch weiterhin die Hand auf ihr ehemaliges Monopol.
Dennoch rechnet Malenfant sich gute Chancen aus, seine Raketen
starten zu können. Doch dann kommt ein Fremder vorbei und
erklärt ihm das "Carter"-Symdrom, eine Theorie, nach der die
Menschheit - statistisch gesehen - noch maximal 200 Jahre
überleben wird, egal ob sie sich über die Galaxis
ausbreiten wird oder nicht. Nun versucht Malenfant, Signale aus der
Zukunft aufzufangen, die ihnen mitteilen könnten, wie diese
Katastrophe vermieden werden kann. Denn für ihn ist sicher: Wenn
es eine Möglichkeit gibt, die Menschheit zu retten, werden sie
es von ihren Nachkommen am Unterlauf der Zeit mitgeteilt bekommen.
Und tatsächlich empfangen sie ein Signal, das Malenfant dazu
veranlaßt, das eigentliche Ziel seines ersten Raumschiffes zu
ändern. Er fliegt nun Cruithne an, den "zweiten Mond" der Erde.
Und was er hier findet, wird die Geschichte der Menschheit
verändern...
"Zeit" - kein anderer Titel könnte für diesen Roman
passender sein. Nicht nur wegen des Inhalts, sondern auch wegen der
Zeit, die der Leser mit der Lektüre des Stoffes verbringt.
Stephen Baxter schreibt nicht nur hochinteressant, sondern auch
hochwissenschaftlich, was den Leser immer wieder zu Denkpausen
zwingt. Viele Stellen sind für Nicht-Physiker sehr schwer
verständlich, auch wenn man dem Autor hier lobend zugutehalten
muß, daß er diese Stellen durchaus verständlich an
den Leser zu bringen in der Lage ist, der über physikalische
Vorkenntnisse verfügt - zumindest soweit, wie dies im Bereich
der Quantenphysik überhaupt machbar ist, die in sich ja schon
unverständlich ist. Und auf eben jener Quantenphysik basiert die
Handlung dieses Romans, der dementsprechend mehr als nur starken
Tobak darstellt.
Trotzdem gelingt Stephen Baxter das Kunststück, dem Leser
über rund drei Viertel des Romans eine gut lesbare und
hochinteressante Handlung zu bieten. Lediglich im letzten Viertel
wird die Sache doch ein wenig unverständlich, erinnert der Roman
an das Ende des Films "2001" und bietet, wie auch der Film, eher
unverständliche Splitter einer Handlung, bei der sich der Leser
nach dem dahinterstehenden Sinn fragt. In diesem letzten Teil
verliert Baxter dann anfangs den Blick für seinen Leser, das
Gespür, was man dem durchschnittlichen SF-Fan zumuten kann.
Selbst wenn dieser für die Lesergruppe überdurchschnittlich
physikalisch gebildet ist, wird er damit als Laie seine Probleme
bekommen. Dies ist teilweise nur noch für promovierte
Quantenphysiker geeignet - die allerdings auch keine Ahnung vom
"warum" der ganzen Sache haben, sondern bestenfalls sagen
können: "Das ist halt so!"
Und genau dieser Ausspruch muß in diesem Fall auch das Motto
des Lesers sein, wenn er diese Passagen überstehen will. Denn
entgegengesetzt zu den ersten drei Vierteln, die mit ein wenig
Nachdenken durchaus verständlich sind, hilft hier der gesunde
Menschenverstand und die physikalische Laien-Bildung nicht mehr
weiter. "Augen zu - und durch!" Dann kann man diesen Roman auch bis
zum Ende genießen.
Diese ganzen Bemerkungen sollen jedoch nicht verschleiern, daß
Stephen Baxter wieder einmal ein sehr guter Roman gelungen ist. Nicht
umsonst steht er in der Spitzengruppe der derzeitigen SF-Autoren.
Weite Teile des Romans sind für Interessenten der "ernsthaften"
SF sehr gut goutierbar - doch gegen Ende wird es eben ein wenig
absonderlich. Solches hat aber auch noch keinen daran gehindert (und
jetzt muß ich schon wieder darauf zurückgreifen), den Film
"2001" zum besten SF-Film aller Zeiten zu küren. (Okay - das war
vor "Matrix"... <vbeg>)
Trotz all dieser Kritikpunkte bin ich jedoch mehr als nur gespannt
auf den nächsten Roman der Trilogie. Baxter schreibt
hervorragend und vermag seine Leser zu fesseln. Und wenn man bereit
ist, manche Passagen einfach nur zu lesen (aber nicht zu verstehen),
fährt man als Interessent dieser Spielart der SF ziemlich gut
mit diesem Roman.
Fazit:
"Zeit" ist sicherlich einer der hochwertigsten Hard-SF-Romane der
letzten Zeit. Stephen Baxter gelingt es, diverse Auswirkungen der
Quantenphysik auch für den Laien verständlich zu machen.
Wer sich an diesen ersten Teil seiner Trilogie wagen will, muß
zumindest bereit sein, bei der Lektüre auch sein Gehirn
einzuschalten. Dann erwartet ihn eine sehr gute Handlung, der der
Leser gegen Ende jedoch nicht mehr wirklich zu folgen vermag.
Trotzdem ein sehr empfehlenswertes Werk für die dergleichen
interessierten Leser. Wer aber mehr auf die Massenware der Serien-SF
steht, braucht an diesen Roman keinen Blick zu verschwenden.
11 Punkte.