Stephen Baxter:

"Zeit"

(Das Multiversum - erster Roman)
OT: Manifold 1: Time
Ü: Martin Gilbert
GB 1999
(684 Seiten, Taschenbuch, Heyne 06/6423, ISBN 3-453-21356-4, EUR 9,95)
- erschienen: August 2002 -

Zum Inhalt:
2110 führt Reid Malenfant als Verantwortlicher der Firma "Bootstrap" ein geradezu revolutionäres Programm durch: Er will mit recycelten Wegwerf-Raketen den Asteroidengürtel ausbeuten. Die NASA hingegen hat ihr Raumfahrtprogramm dabei nahezu gestrichen, hält jedoch weiterhin die Hand auf ihr ehemaliges Monopol. Dennoch rechnet Malenfant sich gute Chancen aus, seine Raketen starten zu können. Doch dann kommt ein Fremder vorbei und erklärt ihm das "Carter"-Symdrom, eine Theorie, nach der die Menschheit - statistisch gesehen - noch maximal 200 Jahre überleben wird, egal ob sie sich über die Galaxis ausbreiten wird oder nicht. Nun versucht Malenfant, Signale aus der Zukunft aufzufangen, die ihnen mitteilen könnten, wie diese Katastrophe vermieden werden kann. Denn für ihn ist sicher: Wenn es eine Möglichkeit gibt, die Menschheit zu retten, werden sie es von ihren Nachkommen am Unterlauf der Zeit mitgeteilt bekommen. Und tatsächlich empfangen sie ein Signal, das Malenfant dazu veranlaßt, das eigentliche Ziel seines ersten Raumschiffes zu ändern. Er fliegt nun Cruithne an, den "zweiten Mond" der Erde. Und was er hier findet, wird die Geschichte der Menschheit verändern...

"Zeit" - kein anderer Titel könnte für diesen Roman passender sein. Nicht nur wegen des Inhalts, sondern auch wegen der Zeit, die der Leser mit der Lektüre des Stoffes verbringt. Stephen Baxter schreibt nicht nur hochinteressant, sondern auch hochwissenschaftlich, was den Leser immer wieder zu Denkpausen zwingt. Viele Stellen sind für Nicht-Physiker sehr schwer verständlich, auch wenn man dem Autor hier lobend zugutehalten muß, daß er diese Stellen durchaus verständlich an den Leser zu bringen in der Lage ist, der über physikalische Vorkenntnisse verfügt - zumindest soweit, wie dies im Bereich der Quantenphysik überhaupt machbar ist, die in sich ja schon unverständlich ist. Und auf eben jener Quantenphysik basiert die Handlung dieses Romans, der dementsprechend mehr als nur starken Tobak darstellt.
Trotzdem gelingt Stephen Baxter das Kunststück, dem Leser über rund drei Viertel des Romans eine gut lesbare und hochinteressante Handlung zu bieten. Lediglich im letzten Viertel wird die Sache doch ein wenig unverständlich, erinnert der Roman an das Ende des Films "2001" und bietet, wie auch der Film, eher unverständliche Splitter einer Handlung, bei der sich der Leser nach dem dahinterstehenden Sinn fragt. In diesem letzten Teil verliert Baxter dann anfangs den Blick für seinen Leser, das Gespür, was man dem durchschnittlichen SF-Fan zumuten kann. Selbst wenn dieser für die Lesergruppe überdurchschnittlich physikalisch gebildet ist, wird er damit als Laie seine Probleme bekommen. Dies ist teilweise nur noch für promovierte Quantenphysiker geeignet - die allerdings auch keine Ahnung vom "warum" der ganzen Sache haben, sondern bestenfalls sagen können: "Das ist halt so!"
Und genau dieser Ausspruch muß in diesem Fall auch das Motto des Lesers sein, wenn er diese Passagen überstehen will. Denn entgegengesetzt zu den ersten drei Vierteln, die mit ein wenig Nachdenken durchaus verständlich sind, hilft hier der gesunde Menschenverstand und die physikalische Laien-Bildung nicht mehr weiter. "Augen zu - und durch!" Dann kann man diesen Roman auch bis zum Ende genießen.
Diese ganzen Bemerkungen sollen jedoch nicht verschleiern, daß Stephen Baxter wieder einmal ein sehr guter Roman gelungen ist. Nicht umsonst steht er in der Spitzengruppe der derzeitigen SF-Autoren. Weite Teile des Romans sind für Interessenten der "ernsthaften" SF sehr gut goutierbar - doch gegen Ende wird es eben ein wenig absonderlich. Solches hat aber auch noch keinen daran gehindert (und jetzt muß ich schon wieder darauf zurückgreifen), den Film "2001" zum besten SF-Film aller Zeiten zu küren. (Okay - das war vor "Matrix"... <vbeg>)
Trotz all dieser Kritikpunkte bin ich jedoch mehr als nur gespannt auf den nächsten Roman der Trilogie. Baxter schreibt hervorragend und vermag seine Leser zu fesseln. Und wenn man bereit ist, manche Passagen einfach nur zu lesen (aber nicht zu verstehen), fährt man als Interessent dieser Spielart der SF ziemlich gut mit diesem Roman.

Fazit:
"Zeit" ist sicherlich einer der hochwertigsten Hard-SF-Romane der letzten Zeit. Stephen Baxter gelingt es, diverse Auswirkungen der Quantenphysik auch für den Laien verständlich zu machen. Wer sich an diesen ersten Teil seiner Trilogie wagen will, muß zumindest bereit sein, bei der Lektüre auch sein Gehirn einzuschalten. Dann erwartet ihn eine sehr gute Handlung, der der Leser gegen Ende jedoch nicht mehr wirklich zu folgen vermag. Trotzdem ein sehr empfehlenswertes Werk für die dergleichen interessierten Leser. Wer aber mehr auf die Massenware der Serien-SF steht, braucht an diesen Roman keinen Blick zu verschwenden.
11 Punkte.

Winfried Brand


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