Kai Meyer:

"Das Gläserne Wort"

(Teil 3 der Trilogie)
D 2002
(286 Seiten, Hardcover, Loewe, ISBN 3-7855-4403-0, EUR 14,90)
- erschienen: Juni 2002 -

Zum Inhalt:
Ihre Flucht aus dem Herzen der Hölle, vor Lord Licht und dem Steinernen Licht, führt Merle, Junipa und den fliegenden Obsidianlöwen Vermithrax nach Ägypten, mitten ins Herz des Imperiums, das fast die gesamte Welt erobert hat. In ihrem Kampf gegen den wiederauferstandenen Pharao finden sie einen fragwürdigen Verbündeten: Seth. Doch sie sind sich nicht sicher, ob sie dem obersten der Horus-Priester wirklich trauen können - ist er doch einer der Hauptverantwortlichen für die Wiederkunft des Pharaos und damit auch für den Krieg, der seit Jahrzehnten die Welt überzieht. Doch Seth muß davon ausgehen, daß sein "Versagen" in der Hölle den Tod aller Horus-Priester zur Folge hatte. So zumindest hatte der Pharao es ihm angekündigt.
Für Merle hingegen geht es nicht nur um die Rettung dieser Welt und jenen hinter den Spiegeln, sondern auch darum, die Wahrheit über ihre Eltern zu erfahren. Bei dieser Suche stößt sie auf das Gläserne Wort...

Muß man es wirklich noch sagen? Eigentlich nicht - ich mach's trotzdem:
"Das Gläserne Wort" ist ein großartiger Abschluß für eine großartige Trilogie. Kai Meyer ist eine hochgradig faszinierende Geschichte gelungen, die ihn wohl endgültig in das Triumvirat der großen Jugendbuch-Autoren der letzten Jahre beruft. Meyer, Pullman, Rowling (in alphabetischer Reihenfolge... <eg>) - ein Triumvirat der phantastischen Jugendliteratur, die auch von Erwachsenen praktisch verschlungen wird. Das Werk dieser drei wird wohl auch noch in 50 Jahren gelesen werden und dann als Klassiker der Jugendliteratur gelten.
Wobei bei Kai Meyer hervorzuheben ist, daß er lange nicht nur Jugendliteratur schreibt. Die Merle-Trilogie sowie die Sieben Siegel-Serie sind seine (bisher) einzigen Werke in dieser Richtung - sein bisheriges Schaffenswerk weist deutlich mehr Romane für ein etwas höheres Lesealter auf. Umso erstaunlicher ist es, daß er phantastische Romane für Jugendliche schreibt, die eine dermaßen hohe Qualität aufweisen, sowohl sprachlich wie auch inhaltlich.
Nun aber genug der vielstrapazierten Vergleiche und Lobhudeleien (<eg>), kommen wir zum Roman selber. Wobei es schwierig ist, hierüber etwas zu sagen, ohne zuviel zu verraten, was ich besonders in diesem Fall nun gar nicht möchte. Zumal reine Anspielungen nur für diejenigen verständlich sein werden, die die ersten beiden Romane bereits gelesen haben, und sich dementsprechend diesen Roman sowieso zulegen - fast schon gezwungenermaßen, denn der Suchtfaktor ist bei Kais Romanen allgemein und bei dieser Trilogie im besonderen fast schon übermächtig. Und mit dem "Gläsernen Wort" erfüllt Kai Meyer die (sowieso schon sehr hochgesteckten) Erwartungen der Leser vollkommen.
Er lernt nicht nur Merles Mutter kennen, erfährt die Geheimnisse ihrer Geburt, sondern wird auch in die Zusammenhänge zwischen den Welten eingeführt, die das Grundgerüst für die Phantasiewelt Kai Meyers bilden. Hier präsentiert der Autor dem Leser eigentlich alles: Spannung, Liebe, Tragik. Die drei Grundbausteine eines jeden guten Romans verbindet Meyer über die gesamte Trilogie gesehen zu einem hervorragenden Ganzen, das Seinesgleichen sucht. Nicht nur in der phantastischen Jugendliteratur, sondern auch in der Fantasy-Literatur im allgemeinen.
Überraschend ist bei diesem Roman vor allem das Ende. Wenn der Leser meint, er weiß, was auf ihn zukommt, ist er hier ziemlich schief gewickelt. Kai Meyer bietet hier einige Überraschungen, die auch der erfahrene Leser in dieser Art nicht erwartet hätte - vor allem nicht in einem Jugendroman. Diese Tragik gegen Ende kommt doch ziemlich unerwartet. Eine sehr schöne Wendung der Geschehnisse - zumindest aus der Sicht des Lesers...
Da macht es dann auch nichts mehr aus, daß der Leser sich fragt, wieso man beim Endkampf nicht den gleichen Weg im Angriff genutzt hat, wie man ihn bei der Flucht verwendete. Aber hier kann ich mir die Antwort auch selber geben: Eine schöne Action-Szene wäre hinüber gewesen... <veg>
Wie auch immer, dies ist so ziemlich die einzige Erbse, die ich zum Zählen hervorholen mußte - und, wie gesagt, sie stört nun wirklich nur die Prinzessin auf derselben... Denn was Kai Meyer hier geschaffen hat, ist zusammengenommen ein Werk der Jugendliteratur, das seinesgleichen sucht. Was wohl auch der Autor erkannt hat - nicht umsonst wird er sich am Ende eine Tür für eine Fortsetzung offengelassen haben, auch wenn die Trilogie eigentlich abgeschlossen ist. Doch dieses Ende schreit geradezu nach dem ersten Band eines neuen Dreiteilers...

Fazit:
"Das Gläserne Wort" ist ein hervorragender Abschluß einer ebenfalls hervorragenden Trilogie. Kai Meyer stellt wieder einmal unter Beweis, daß er sich auch in der Jugendliteratur mehr als nur behaupten kann. Wer Rowling oder Pullman mag, wird diese Trilogie lieben. Fantasy für Jugendliche und gleichzeitig für Erwachsene, sprachlich ausgefeilt, inhaltlich spannend. Sowas gibt es selten.
15 Punkte.

Winfried Brand


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