Auf eine
Zusammenfassung dieses Romans, die über das Allernotwendigste
hinausgeht, möchte ich in dieser Rezension verzichten, da ich es
mir nie verzeihen könnte, dem geneigten Leser auch nur das
geringste Stückchen Spannung und die Freude an den
überraschenden Wendungen zu nehmen. Daher folgt nach einer
kurzen Vorstellung der Hauptpersonen dieses Dramas um Verrat und
Rache lediglich eine miniaturisierte Inhaltsangabe.
Jaywalker: Mensch; Straßensamurai. Jaywalkers
Cyber-Modifikationen sind so extrem, daß er mehr Maschine als
Mensch ist. Seine Seele ist kaum noch mit seinem Körper
verbunden. In Extremsituationen zeigt dieser deshalb die Tendenz,
autonom und unabhängig von Jaywalkers Willen zu agieren und
reagieren.
Phoenix: Elfe; Deckerin. Phoenix ist querschnittsgelähmt und
spielt mit dem Gedanken, den toten Ballast ihrer Beine operativ
entfernen zu lassen. Aus naheliegenden Gründen hängt sie am
liebsten in der Matrix rum.
Steel: Ork; Rigger. Steel hat - wie die meisten Rigger - eine
Vorliebe für das Basteln und Schrauben. Er spricht nicht gern
über seine Vergangenheit.
Conquistador: Mensch; Metazoologe; Taschenspieler und Trickser.
Conquistador ist kultiviert und weltgewandt. Er beherrscht die Kunst
der Verkleidung und Tarnung ebenso wie allerlei kleinere
Kartenkunststückchen. Sein engster Freund ist das erwachte Mungo
Julius, das trotz seiner geringen Größe eine absolut
tödliche Kampfmaschine ist.
Kike: Mensch; Katzenschamanin. Kike repräsentiert die Aspekte
ihres Totems nahezu perfekt: Sie ist eitel und verspielt, mit einem
Hang zur Grausamkeit und relativ starken magisch-schamanistischen
Fähigkeiten.
Christo: Troll; Straßensamurai. Christo ist von schlichtem
Gemüt und weniger vercybert als Jaywalker; wegen seiner
Rassenmerkmale - Größe und Gewicht - ist er jedoch im
Kampf fast ebenso tödlich.
Five: Mensch; Killer. Five ist die Person für das Wetwork. Er
ist ein Mann mit psychopathischen Zügen. Seine bevorzugte Farbe
ist Schneeweiß, da jegliche Form von Schmutz in ihm
äußersten Ekel hervorruft.
Zur Story: Durch einen Zufall rettet Jaywalker einen kleinen Jungen,
den sechsjährigen Mickey, vor einem Wahnsinnigen. Es stellt sich
heraus, daß der Kleine ungeheure, destruktive psychische
Kräfte besitzt, deren Anwendung ihn allerdings dem Tod jedesmal
ein Stückchen näherbringt. Das Team der Runner versucht,
ihm aus Altruismus zu helfen, da sich kein wirklichen Profit aus der
Sache abzeichnet.
Einer der Sieben ist jedoch ein Verräter, der diejenigen seiner
"Chummer" tötet - oder es zumindest versucht - die seine ganz
speziellen Pläne gefährden könnten, die er mit dem
Kleinen hat. Die Jagd beginnt, als der Verrat auffliegt...
...und nun zu etwas ganz anderem, nämlich der Beurteilung: Maike
Hallmann ist ein Shadowrun-Meisterwerk gelungen. Vergessen sind
(hoffentlich) die Charrettes, Findleys, Odoms und Smedmans dieser
Welt und der des Jahres 2050.
Die Autorin legt sehr viel Wert auf die Authentizität ihrer
Figuren. Sämtliche Protagonisten sind liebevoll und geradezu
akribisch ausgearbeitet, und sie zeigen in ihren Handlungen und
Reflexionen eine Tiefe, die man bei den Helden der
angloamerikanischen Vielschreiberlinge (s.o.) oft schmerzlich
vermißt. Dabei vermeidet Hallmann selbst bei den Gegenspielern
der Runner stets Schwarz-Weiß-Schemata, so daß eine eben
noch sympathische Figur im nächsten Augenblick als das
größte A...loch der Welt erscheint, um anschließend
wieder das Mitgefühl des Lesers zu erringen - oder auch
nicht.
Die generelle Atmosphäre des Romans wird durch seinen Titel mehr
als treffend charakterisiert: alptraumhaft, düster und
klaustrophobisch; wenige Handlungsorte und räumliche Enge
kennzeichnen die Situation des Teams. Über allem schwebt seit
der ersten Begegnung mit Mickey die Ahnung einer tödlichen
Bedrohung durch die geheimnisvollen Kräfte des Kindes. Das
Entsetzen über den Verrat, das Fiebern nach Rache und die
Frustrationen bei der Jagd des Täters: All das durchlebt der
Leser aufgrund der geringen Distanz zu den "Helden" unmittelbar. Das
fehlende Happy-End ist der folgerichtige und angemessene
Abschluß dieser Tragödie.
Der Schreibstil von Maike Hallmann ist gefällig und
flüssig. Selbstbewußt verzichtet sie weitgehend darauf, in
den - bei vielen Autoren beliebten - Gossenslang zu verfallen, um
ihren Charakteren eine fragwürdige Glaubwürdigkeit zu
verleihen. Die von ihr verwendete Metaphorik erschließt sich
dem Leser rasch und trägt zur düsteren Atmosphäre der
Romans einen großen Teil bei. Was ich ihr zudem besonders hoch
anrechne: Kein "Shadowtalk", den die Hardcorefans so schätzen,
strapaziert die Nerven des Lesers.
Ein wirklich winziger Minuspunkt zu guter Letzt: Ich habe nicht
verstanden, weshalb als Handlungsort unbedingt Seattle gewählt
werden mußte. Zugegeben, diese Location ist bei Shadowrunfans
en vogue. Mehrere winzige Details der Geschichte weisen jedoch darauf
hin, daß sowohl die Autorin als auch ihre Figuren eindeutig
europäisch - man könnte auch schreiben "deutsch" -
sozialisiert sind; z.B., als ein wirklich übles Gangmitglied
über sein verkorkstes Leben und eine im letzten Lehrjahr
abgebrochene Ausbildung zum Automechaniker sinniert: Deutscher geht's
nimmer. Daher wäre ein klein wenig mehr "Lokalpatriotismus"
wünschenswert gewesen, zumal sich keine zwingenden Gründe
für Seattle als "0815"-Ort aus der Story ergeben.
Der Preis des Buches ist mit EUR 9,- zwar recht hoch, angesichts der
Qualität jedoch mehr als angemessen. Was mich hier - wie auch
bei den übrigen Titeln der Phoenix-Reihe - stört, ist das
fehlende Glossar. Shadowrun-Einsteigern kann die fehlende Kenntnis
solcher Begriffe wie Decker, Rigger, Matrix und Chummer durchaus die
Lesefreude trüben.
Obwohl dieses Buch der mit Abstand beste Shadowrunroman ist, den ich
bisher gelesen habe - und das sind alle in Deutsch
veröffentlichten - kann ich mich nicht entschließen, das
Statement "unbedingt empfehlenswert" abzugeben, auch wenn es dieses
Buch absolut verdient hätte. Es fehlt so ziemlich alles, was ein
großer Teil der Shadowrun-Spieler und -Leser als Leben und
Lebensinhalt begreift: Es gibt keine Matrixtrips, keine
wunderschön und phantasievoll designten MPCPs, CPUs, I/OPs,
SPUs; SANs usw., keine unbesiegbaren Kampfutilities, weder
weißes noch graues noch schwarzes IC, nicht der klitzekleinste
Drache macht den Protagonisten das Leben schwer, Magie wird mehr zum
Heilen als zum Rösten angewandt, Megacons spielen zwar in
Seattle eine Rolle, nur nicht in dieser Geschichte - und das
schlimmste: Die Runner sind überhaupt nicht "cool"... Na gut:
Dieser Roman ist UNBEDINGT LESENSWERT!!!!
14 Punkte