Dirk van den Boom:

"Seer-Tak City Blues"

(Rettungskreuzer Ikarus - Band 9)
(95 Seiten, Atlantis Verlag, Taschenheft, keine ISBN, EUR 6,90)
- erschienen: Februar 2002 -
Homepage: www.rettungskreuzer-ikarus.de
Homepage des Verlages: www.atlantis-verlag.de

Mit großen Schritten nähert sich die erst vor zwei Jahren gestartete Serie "Rettungskreuzer Ikarus" ihrer ersten Jubiläumsnummer, dem Band 10. Um dieses Jubiläum gebührend zu feiern, wird mit diesem Band erstmals in der Geschichte der Serie ein Zweiteiler (inklusive Cliffhanger) vorgelegt.

Wir erinnern uns: Mit Hilfe der Besatzung der Ikarus war es Sally McLennane (der Vorgesetzten der Crew) im letzten Band gelungen, ihre Position zu festigen. In diesem Band wird der Rettungskreuzer gleich am Anfang dem Corpsgeheimdienst zugeteilt und darf sich auch gleich auf eine höchst gefährliche Geheimmission begeben: Die Crew um Roderick Sentenza soll auf Seer'Tak City eine Havarie vortäuschen und dort dann nach zwei vermißten Mitgliedern des Corpsgeheimdienstes suchen...

Wir erinnern uns ferner, daß die Macher der Serie versprochen hatten, mehr über die Hintergründe der Serie zu erzählen - beginnend mit diesem Doppelband. Dies führt im vorliegenden Band dazu, daß eine Fülle von Handlungssträngen gleichzeitig erzählt wird, mit denen sowohl der Autor als auch die Leser zu jonglieren haben. So verfolgen wir nicht nur das Schicksal der Ikarus-Crew, sondern erleben auch noch die Machenschaften des Gangsterbosses von Seer'Tak City, nehmen an Humanexperimenten teil, verfolgen galaktopolitische Ränkespiele, statten einem Schiff der galaktischen Kirche einen Besuch ab und registrieren mit Freude, daß auch Jason und Shilla wieder mit von der Partie sind. Man merkt schon: verdammt viel Stoff für 95 Seiten.
Nichts gegen komplexe Romane, ganz im Gegenteil; dies führt beim vorliegenden Band nur leider dazu, daß die eigentliche Handlung des Romans erst im letzten Drittel einsetzt und folglich die Exposition erst ungefähr auf Seite 69 endet. Und wenn ein Roman zwei Drittel seiner Zeit mit der Exposition zubringt, hat er ein strukturelles Problem. Natürlich kann man dagegen einwenden, daß die Bände 9 und 10 als ein einheitliches Werk zu sehen sind (und somit ein und nicht zwei Drittel der Exposition vorbehalten sind), aber da Band 10 erst in drei Monaten erscheint, muß man sich trotzdem in diesem Band durch sehr viele/zu viele einführende Szenen kämpfen. Das macht den Roman nicht unbedingt langweilig, sorgt aber manchmal für etwas Ungeduld.

Viel Spaß machen wie üblich die Szenen mit Jason und Shilla, die sich immer mehr zu den eigentlichen Lieblingen der Serie entwickeln. In diesem Band werden sie gegen Ende getrennt, und man darf gespannt sein, was sie im nächsten Band erwartet. Auch schön, daß das neue Crew-Mitglied An'ta, die an eine Überschwere der Perry Rhodan-Serie erinnert, endlich mehr Raum bekommt. Wirkte sie in den letzten Bänden eher wie ein Stück der Inneneinrichtung der Ikarus, bekommt sie hier am Anfang mal eine größere Szene zusammen mit dem Captain.

Stilistisch kann man dem Roman attestieren, daß er größtenteils flüssig geschrieben ist, auch wenn der Autor einmal mehr in zu hohem Maße seiner Adverbivitis frönt und zu vielen Verben ein erklärendes Adverb zur Seite stellt. Charaktere "schlucken trocken", "nicken knapp" oder "schnalzen anerkennend" usw., was überhaupt nicht nötig gewesen wäre, viel zu oft vorkommt und zu sehr an die Sprache von Heftromanen erinnert.
Zu einer netten Gewohnheit ist es inzwischen geworden, daß der Autor auch in diesem Band wieder Personen aus seinem Umfeld im Roman "verbrät", wobei bewußt offengelassen wird, ob das jeweilige Schicksal der Personen proportional zu der Sympathie zu verstehen ist, die der Autor der verwendeten Person entgegenbringt...

Das Titelbild ist, wie üblich, erstklassig; das Ikarus-Team kann froh sein, einen Künstler wie Klaus G. Schimanski in seinen Reihen zu haben. Auch ist der Band schön produziert und unterscheidet sich eigentlich lediglich durch seine ungewöhnliche Länge (oder besser gesagt: Kürze) von professionellen Publikationen.

Fazit:
Auftakt zu einem Zweiteiler, der zwar durch eine viel zu lang geratene Exposition und ein Übermaß von Figuren und Handlungssträngen etwas von seinem Spannungspotential einbüßt, insgesamt aber noch ganz ordentlich unterhält.
7 Punkte.

Oliver Naujoks

Zwar hat Sally McLennane nun endlich das Kommando über die Ikarus abgetreten, aber so ganz kommt sie anscheinend nicht von Sentenza und der Crew los. Oder wie sollen diese sich sonst den Auftrag erklären, den sie kurzerhand aufgebrummt bekommen? In Seer'tak-City verschwinden in auffallend kurzer Zeit auffällig viele Personen – überwiegend Angehörige des Corpsgeheimdienstes. Deswegen soll die Crew der Ikarus in Seer'tak-City ermitteln – natürlich so, daß es nicht allzu sehr auffällt. Schließlich hat die Crew ja schon einige Erfahrungen in dieser Hinsicht, zudem können große Raumschiffe wegen der Anomalie des Sektors gar nicht manövrieren.
Aber nicht nur die Ikarus-Crew weilt in Seer'tak-City, auch Jason und Shilla sind vor Ort. Ein Frachtauftrag der nicht ganz legalen Sorte brachte das Team hieher, die Abwicklung des Auftrags geht jedoch nicht so ganz glatt wie gewünscht. Und daß eine Söldnerin der Schwarzen Flamme namens Skyta in die Celestine eindringt, hebt Jasons Laune nicht unbedingt. Skyta hat allerdings nichts Böses im Sinn – sie bittet das Duo um Unterstützung gegen einen gemeinsamen Feind – den Kronprinzen Joran. Und die kleine Summe von 65000 Credits kommt Jason auch nicht ungelegen. Er willigt also ein, Skyta zu helfen, die daraufhin direkt mit Shilla abzieht, um in der Stadt Informationen einzuholen.
Als dritte Partei gesellt sich die Priorin des Raumschiffes der Galaktischen Kirche, Siridan Dante, deren Kirchenobere sie aufgrund einer Mission nach Seer'tak-City geschickt haben. Jeder beginnt, Nachforschungen anzustellen und bald haben sich die Ikarus und die Priorin gefunden und beschließen eine Zusammenarbeit. Die Nachricht, daß Sonja Dimersi entführt, die Ikarus von Einheiten der TakForce, eine Art Polizeigruppe, umstellt sind und auch Shilla in eine Falle gegangen ist, platzt wie eine Bombe in den Gedankenaustausch. Skyta ist der Falle nur entkommen, weil sie nicht mit der Ikarus-Crew in Verbindung gebracht wird.
Was die Verschwörer-Riege um Joran und den Chef von Seer'tak-City, Kefir Hammet, plant, das verrät die Handlung noch nicht – eine gewisse Rolle spielen jedoch lebende Gehirne und ein Vorauskommando, welcher Art auch immer. Daß Joran nebenbei noch eine alte Rechnung mit Sentenza bereinigen kann, kommt ihm mehr als gelegen. Denn die Ikarus hat die Verschwörer-Kreise mehr als einmal gestört.

Die Bühne ist vorbereitet, die Schauspieler stehen in den Startlöchern – das Finale, so scheint es, ist nicht mehr weit. Und mit den Nummern 9 und 10 soll ja tatsächlich der bisherige Handlungsbogen beendet und ein neues Kapitel innerhalb der Serie aufgeschlagen werden. Nach und nach kommen die Personen zusammen. Das ist an sich nicht schlechtes, Dirk van den Boom bereitet so den Boden für die kommenden Ereignisse gründlich und systematisch vor. Allerdings hätte ich mir gewünscht, daß dieses Versammeln nicht drei Viertel des Romanes in Anspruch nimmt. So reizvoll auch die Szenen um Jason und Shilla sind, so nett erzählt auch die anderen Episoden sein mögen – und so wichtig zum Beispiel die Information ist, daß Joran hinter all den Sabotageakten steckt, die die Ikarus bisher gemeistert hat - nach einer gewissen Länge stellt sich unmittelbar Langeweile ein. Das kann leider auch nicht durch die Entführungsszenen gegen Ende aufgewogen werden – natürlich, ein Cliffhanger ist ein legitimes Mittel, um den Leser an sich zu binden, aber diesmal ist er nicht geschickt eingesetzt worden. Nach einer langen Anlaufphase kommt die Handlung endlich etwas in Schwung und wird dann abgewürgt – als hätte man gerade seine erste Fahrstunde...
Wie gesagt, van den Boom weiß in der Tat gut zu unterhalten, der Roman liest sich flüssig und wenn dann die Handlung noch etwas besser strukturiert gewesen wäre, wäre das wohl ein Roman, der als erstes innerhalb der Serie die Höchstnote bekommen hätte. Für die unter dem Fazit stehenden Punkte muß sich van den Boom aber auch nicht schämen. :-)

Fazit:
Wer spannende Unterhaltung erwartet, wird diese auch bekommen. Einige Geheimnisse innerhalb der Serie werden bereits aufgelöst, der Boden für die kommende Auseinandersetzung zwischen der Ikarus und den Verschwörern wird vorbereitet. Leider passiert das etwas zu ausführlich, so daß erst das letzte Viertel des Romans so richtig gut wird.
13 Punkte

Christian Spließ

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