Dirk van den Boom (Hrsg.):

"Legale Fracht"

(Rettungskreuzer Ikarus - Sonderband 1)
(98 Seiten, Taschenheft, Atlantis-Verlag, ISBN 3-936742-00-6, EUR 6,90)

Parallel zur elften Folge der Serie erscheint hiermit der erste Sonderband der Serie, in welchem vier ohne Exposé geschriebene Geschichten Eingang fanden, verfaßt von den Stammautoren Dirk van den Boom, Irene Salzmann und Sylke Brandt sowie von Newcomer Thomas Folgmann, der mit Band 19 auch seinen "richtigen" Einstand in die Serie geben wird. Aber das ist noch eine Weile hin...

Höchst angenehme Überraschung machte sich nach der Lektüre des Bandes breit: Es ist kein Ausfall zu vermelden, alle vier Geschichten wissen durchaus zu unterhalten.

Fangen wir an:

In der titelgebenden Geschichte von Irene Salzmann sind wir als Gäste auf der Celestine eingeladen, dem Schiff von Jason und Shilla, den beliebtesten Nebenfiguren der Serie. Die beiden haben eine gefährliche Fracht zu transportieren, einen hochintelligenten und höchst übelgelaunten Raptor, der sein Quartier im Lagerraum irgendwann verläßt und das Schiff unsicher macht...
Aus dieser doch recht konventionellen Ausgangssituation spinnt Irene Salzmann ein sehr spannendes und höchst unterhaltsames Garn, in welchem sich Jason und Shilla schnell in einer existenzbedrohenden Situation wiederfinden und ein möglicherweise tödliches Katz- und Mausspiel zu bestehen haben. Die Autorin hat instinktiv begriffen, wie wichtig es für die Spannungssteigerung ist, mal der einen, mal der anderen Seite die Oberhand zu geben; und so folgt man ihr als Leser sehr gerne durch die 25 Seiten dieser Geschichte. Zumal ja ein altes chinesisches Sprichwort sagt, daß Geschichten, in denen der an Han Solo angelehnte Haudegen Jason und seine telepathisch begabte, geheimnisvolle und erotische Partnerin Shilla agieren, per se gute Unterhaltung garantieren.
Ein hervorragender Auftakt des Bandes.

Die nachfolgende Geschichte, "Harrimans Versuche", erinnert nicht nur vom Titel her an eine klassische SF-Geschichte. Herausgeber Dirk van den Boom schildert die schreckliche Situation, in welche ein einsamer Wächter auf einer einsamen Relaisstation hineingerät. Zunächst funktioniert der Funkverkehr mit der Außenwelt nicht mehr, und als dann der Titelheld das Problem erkennt und mit einem Raumanzug die Station verläßt, beginnt der Ärger erst richtig...
Keine Aliens, keine Raumschlachten, keine Action, nur ein Mann, der mit der "Tücke des Objektes" zu kämpfen hat und von einem Schlamassel ins nächste gerät. Die Geschichte pendelt geschickt zwischen ernsthafter Anteilnahme für das Schicksal des Helden und trockenem Humor - und wäre sicherlich eine schöne Vorlage für einen Buster Keaton-Film gewesen, der die Titelrolle wohl ideal verkörpert hätte. Die Erzähltechnik, den Helden dadurch beim Leser Sympathiepunkte sammeln zu lassen, daß er es immer wieder schafft, sich durch Geschick und Einfallsreichtum aus einer ausweglosen Situation zu retten, um ihn dann mit einem netten Schubs in den Rücken ins nächste Schlamassel zu stürzen, funktioniert auch diesmal wieder hervorragend. Puh, was für ein langer Satz. Entschuldigung. ;-)
Nicht unerwähnt lassen darf man auch, daß die Geschichte stilistisch deutlich besser war als die letzten Bände 9 und 10 des Autors. Die dort bemängelten Punkte finden sich hier praktisch nicht wieder, es wird flüssig und routiniert erzählt. Bitte mehr davon!
Sorgte die Geschichte bis zum Ende schon für höchstes Wohlwollen, entläßt sie den Leser dann mit einer wirklich wundervollen Pointe, die mich noch Stunden danach hat grinsen lassen. Eine wundervolle Mischung aus schwarzem Humor, Mitleid und Verblüffung. Eine komische Mischung? Lesen Sie selbst...
Für mich die schönste Geschichte des Bandes.

In der dritten Geschichte, "Die Gefangene", erzählt Sylke Brandt von der Befreiung einer Ehefrau durch eine Spezialeinheit aus den Fesseln ihres Mannes.
Bei dieser Geschichte rächt es sich, daß die Serie nur so selten erscheint. So wurde durchaus registriert, daß hier Bezüge zu vorher erschienenen Bänden hergestellt wurden; leider konnten sie nicht mehr ganz zugeordnet werden. Dieser "Fehler" ist natürlich eher dem Rezensenten zuzuschreiben, er sollte aber nicht unerwähnt bleiben. Dadurch wird die Geschichte keinesfalls unverständlich; man merkt nur, daß einem etwas entgeht, was man schon mal "gewußt" hat.
Zurück zur eigentlichen Story: Diese besticht durch eine sehr dichte Atmosphäre und sehr einfühlsam geschilderte Charaktere, so daß man ihr sehr gerne bis zum Ende hin folgt, auch wenn sich zwischendurch einige kleine Redundanzen einstellen, die auch dadurch bedingt sind, daß man das Ende irgendwann ahnt und dem ganzen betriebenen "Aufwand" nicht so ganz folgen kann und will. Aufgewogen wird dies größtenteils durch den schönen Schreibstil der Autorin, so daß unter dem Strich eine lohnende Lektüre übrigbleibt.

Zum Ausklang des Bandes betritt dann Thomas Folgmann die Bühne, der bisher bei der Serie hinter den Kulissen gewerkelt hat und sich hiermit nun dem Licht der Scheinwerfer stellt, zunächst mit dieser Kurzgeschichte und später, viel später, mit der Abfassung des Bandes 19 der Serie.
Er greift einen Faden aus dem Band "Netzvirus" (Nr. 7) wieder auf und schildert das Schicksal der Computerspezialistin Mona, deren Arbeit darin besteht, sich in die virtuelle Welt einspeisen zu lassen und dort Reparaturen durchzuführen. Sie ahnt nicht, daß sie einer wohldurchdachten Intrige zum Opfer fallen und aus der virtuellen Welt nicht zurückkehren soll...
Auch wenn der Autor bereits an der Online-Serie Frank McLachlan mitgeschrieben hat, stellt diese Erzählung sein Debüt im gedruckten Bereich dar, und es gilt zu attestieren, daß er diese Aufgabe stilistisch gut gemeistert hat. Der Stil ist flüssig und gut zu lesen; gestört hat mich nur einmal das Wort "angesagt", das ich in einem gedruckten Werk nicht so gerne lese.
Die Geschichte stellt sowohl das private als auch das berufliche Leben der Protagonistin dar und bietet dem Leser somit einen runden Charakter, mit welchem man gerne mitfiebert. Durch die zeitliche Struktur Privates-Arbeit-Virtuelle Realität nimmt sie den Leser bei der Hand und bereitet ihn langsam auf das ungewöhnliche Abenteuer vor, das die Heldin erwartet.
Fernerhin strahlt sie eine klassische SF-Atmosphäre (reine Gefühlssache, bitte nicht nach Erklärungen fragen) aus und unterhält über die gesamten 30 Seiten. Die Tatsache, daß dieses Thema durch die Werke von Gibson und Filme wie "Tron" und "The Matrix" hinlänglich bekannt ist, stört dabei erstaunlich wenig. Als Fazit kann man somit sagen: Gratulation, Generalprobe bestanden, der reguläre Band 19 kann kommen.

Insgesamt ein sehr lohnens- und lesenswerter Storyband, der, ehrlich gesagt, meine Erwartungen übertroffen hat. Ich würde auch einen zweiten kaufen.

Fazit:
Vier höchst unterschiedliche und unterhaltsame Geschichten aus dem Ikarus-Universum, die sich sehr vergnüglich lesen. Zwar werden nicht wirklich neue Ideen angeboten, diese aber gekonnt erzählt. Statt eines untunlichen statistischen Mittelwertes für alle vier Geschichten, denn das ganze hier ist mehr als die Summe seiner Teile, sind das
12 Punkte.

Oliver Naujoks


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