Parallel
zur elften Folge der Serie erscheint hiermit der erste Sonderband der
Serie, in welchem vier ohne Exposé geschriebene Geschichten
Eingang fanden, verfaßt von den Stammautoren Dirk van den Boom,
Irene Salzmann und Sylke Brandt sowie von Newcomer Thomas Folgmann,
der mit Band 19 auch seinen "richtigen" Einstand in die Serie geben
wird. Aber das ist noch eine Weile hin...
Höchst angenehme Überraschung machte sich nach der
Lektüre des Bandes breit: Es ist kein Ausfall zu vermelden, alle
vier Geschichten wissen durchaus zu unterhalten.
Fangen wir an:
In der titelgebenden Geschichte von Irene Salzmann sind wir als
Gäste auf der Celestine eingeladen, dem Schiff von Jason
und Shilla, den beliebtesten Nebenfiguren der Serie. Die beiden haben
eine gefährliche Fracht zu transportieren, einen
hochintelligenten und höchst übelgelaunten Raptor, der sein
Quartier im Lagerraum irgendwann verläßt und das Schiff
unsicher macht...
Aus dieser doch recht konventionellen Ausgangssituation spinnt Irene
Salzmann ein sehr spannendes und höchst unterhaltsames Garn, in
welchem sich Jason und Shilla schnell in einer existenzbedrohenden
Situation wiederfinden und ein möglicherweise tödliches
Katz- und Mausspiel zu bestehen haben. Die Autorin hat instinktiv
begriffen, wie wichtig es für die Spannungssteigerung ist, mal
der einen, mal der anderen Seite die Oberhand zu geben; und so folgt
man ihr als Leser sehr gerne durch die 25 Seiten dieser Geschichte.
Zumal ja ein altes chinesisches Sprichwort sagt, daß
Geschichten, in denen der an Han Solo angelehnte Haudegen Jason und
seine telepathisch begabte, geheimnisvolle und erotische Partnerin
Shilla agieren, per se gute Unterhaltung garantieren.
Ein hervorragender Auftakt des Bandes.
Die nachfolgende Geschichte, "Harrimans Versuche", erinnert nicht nur
vom Titel her an eine klassische SF-Geschichte. Herausgeber Dirk van
den Boom schildert die schreckliche Situation, in welche ein einsamer
Wächter auf einer einsamen Relaisstation hineingerät.
Zunächst funktioniert der Funkverkehr mit der Außenwelt
nicht mehr, und als dann der Titelheld das Problem erkennt und mit
einem Raumanzug die Station verläßt, beginnt der
Ärger erst richtig...
Keine Aliens, keine Raumschlachten, keine Action, nur ein Mann, der
mit der "Tücke des Objektes" zu kämpfen hat und von einem
Schlamassel ins nächste gerät. Die Geschichte pendelt
geschickt zwischen ernsthafter Anteilnahme für das Schicksal des
Helden und trockenem Humor - und wäre sicherlich eine
schöne Vorlage für einen Buster Keaton-Film gewesen, der
die Titelrolle wohl ideal verkörpert hätte. Die
Erzähltechnik, den Helden dadurch beim Leser Sympathiepunkte
sammeln zu lassen, daß er es immer wieder schafft, sich durch
Geschick und Einfallsreichtum aus einer ausweglosen Situation zu
retten, um ihn dann mit einem netten Schubs in den Rücken ins
nächste Schlamassel zu stürzen, funktioniert auch diesmal
wieder hervorragend. Puh, was für ein langer Satz.
Entschuldigung. ;-)
Nicht unerwähnt lassen darf man auch, daß die Geschichte
stilistisch deutlich besser war als die letzten Bände 9 und 10
des Autors. Die dort bemängelten Punkte finden sich hier
praktisch nicht wieder, es wird flüssig und routiniert
erzählt. Bitte mehr davon!
Sorgte die Geschichte bis zum Ende schon für höchstes
Wohlwollen, entläßt sie den Leser dann mit einer wirklich
wundervollen Pointe, die mich noch Stunden danach hat grinsen lassen.
Eine wundervolle Mischung aus schwarzem Humor, Mitleid und
Verblüffung. Eine komische Mischung? Lesen Sie selbst...
Für mich die schönste Geschichte des Bandes.
In der dritten Geschichte, "Die Gefangene", erzählt Sylke Brandt
von der Befreiung einer Ehefrau durch eine Spezialeinheit aus den
Fesseln ihres Mannes.
Bei dieser Geschichte rächt es sich, daß die Serie nur so
selten erscheint. So wurde durchaus registriert, daß hier
Bezüge zu vorher erschienenen Bänden hergestellt wurden;
leider konnten sie nicht mehr ganz zugeordnet werden. Dieser "Fehler"
ist natürlich eher dem Rezensenten zuzuschreiben, er sollte aber
nicht unerwähnt bleiben. Dadurch wird die Geschichte keinesfalls
unverständlich; man merkt nur, daß einem etwas entgeht,
was man schon mal "gewußt" hat.
Zurück zur eigentlichen Story: Diese besticht durch eine sehr
dichte Atmosphäre und sehr einfühlsam geschilderte
Charaktere, so daß man ihr sehr gerne bis zum Ende hin folgt,
auch wenn sich zwischendurch einige kleine Redundanzen einstellen,
die auch dadurch bedingt sind, daß man das Ende irgendwann ahnt
und dem ganzen betriebenen "Aufwand" nicht so ganz folgen kann und
will. Aufgewogen wird dies größtenteils durch den
schönen Schreibstil der Autorin, so daß unter dem Strich
eine lohnende Lektüre übrigbleibt.
Zum Ausklang des Bandes betritt dann Thomas Folgmann die Bühne,
der bisher bei der Serie hinter den Kulissen gewerkelt hat und sich
hiermit nun dem Licht der Scheinwerfer stellt, zunächst mit
dieser Kurzgeschichte und später, viel später, mit der
Abfassung des Bandes 19 der Serie.
Er greift einen Faden aus dem Band "Netzvirus" (Nr. 7) wieder auf und
schildert das Schicksal der Computerspezialistin Mona, deren Arbeit
darin besteht, sich in die virtuelle Welt einspeisen zu lassen und
dort Reparaturen durchzuführen. Sie ahnt nicht, daß sie
einer wohldurchdachten Intrige zum Opfer fallen und aus der
virtuellen Welt nicht zurückkehren soll...
Auch wenn der Autor bereits an der Online-Serie Frank McLachlan
mitgeschrieben hat, stellt diese Erzählung sein Debüt im
gedruckten Bereich dar, und es gilt zu attestieren, daß er
diese Aufgabe stilistisch gut gemeistert hat. Der Stil ist
flüssig und gut zu lesen; gestört hat mich nur einmal das
Wort "angesagt", das ich in einem gedruckten Werk nicht so gerne
lese.
Die Geschichte stellt sowohl das private als auch das berufliche
Leben der Protagonistin dar und bietet dem Leser somit einen runden
Charakter, mit welchem man gerne mitfiebert. Durch die zeitliche
Struktur Privates-Arbeit-Virtuelle Realität nimmt sie den Leser
bei der Hand und bereitet ihn langsam auf das ungewöhnliche
Abenteuer vor, das die Heldin erwartet.
Fernerhin strahlt sie eine klassische SF-Atmosphäre (reine
Gefühlssache, bitte nicht nach Erklärungen fragen) aus und
unterhält über die gesamten 30 Seiten. Die Tatsache,
daß dieses Thema durch die Werke von Gibson und Filme wie
"Tron" und "The Matrix" hinlänglich bekannt ist, stört
dabei erstaunlich wenig. Als Fazit kann man somit sagen: Gratulation,
Generalprobe bestanden, der reguläre Band 19 kann kommen.
Insgesamt ein sehr lohnens- und lesenswerter Storyband, der, ehrlich
gesagt, meine Erwartungen übertroffen hat. Ich würde auch
einen zweiten kaufen.
Fazit:
Vier höchst unterschiedliche und unterhaltsame Geschichten aus
dem Ikarus-Universum, die sich sehr vergnüglich lesen. Zwar
werden nicht wirklich neue Ideen angeboten, diese aber gekonnt
erzählt. Statt eines untunlichen statistischen Mittelwertes
für alle vier Geschichten, denn das ganze hier ist mehr als die
Summe seiner Teile, sind das
12 Punkte.