Jürgen Heinzerling:

"Karl May und der Wettermacher"

D 2001
(501 S., Herbig, Hardcover, ISBN 3-7766-2252-0, DM 44,89 / EUR 22,95)
- erschienen: 2001 -

Nikola Tesla, unter anderem Erfinder, begegnet um das Jahr 1880 dem Schriftsteller Karl May. Beide Charaktere könnten unterschiedlicher nicht sein - der eher bürgerlich situierte Tesla auf der einen Seite und der etwas exzentrische May auf der anderen. Dennoch findet man sich sympathisch, und May nimmt mit Freuden an, als Tesla ihn zu seinen Wetterexperimenten in ein kleines rheinisches Dorf einlädt, unweit der holländischen Grenze.
Gesagt - getan; kurze Zeit später baut Tesla seine Maschine auf, und May stößt zu ihm. Doch das Experiment hat ein anderes Ergebnis als erwartet: Sicher, die elektrischen Geräusche sind zu hören, aber auch geheimnisvolle Stimmen. kurze Zeit vorher hatte Tesla zudem eine Frauenleiche entdeckt und ist jetzt erstaunt, als er auf seiner Phonographenwalze Worte hört, die auf den Fundort der Leiche zu deuten scheinen.
Je länger die beiden im Ort bleiben, desto mehr entschließen sie sich, den Mordfall aufzuklären. Bei all den skurrilen Gestalten und den Verwicklungen, die auf sie zukommen, keine leichte Angelegenheit...

Was hat ein historischer Krimi im Flash zu suchen? Nun, der Autor Jürgen Heinzerling schreibt bei den Abenteurern mit. Grund genug, den Roman im Flash zu besprechen. Finde ich jedenfalls. Zudem hat der Roman durchaus phantastische Elemente und paßt von daher doch.
Dieser Roman ist amüsant, spritzig und witzig, gut recherchiert und zudem überaus spannend. Damit könnte ich jetzt die Rezension beschließen, aber so einfach möchte ich es mir dann doch nicht machen.
Der Autor hat wirklich hervorragend recherchiert - überaus detailliert und kenntnisreich erschafft er vor dem Leser eine lebendige historische Umgebung. Nicht nur Hamminkeln bekommt ein glaubwürdiges Flair, auch das Köln des 19. Jahrhunderts, der Dom ist gerade erst fertiggestellt worden, ist so hervorragend erschaffen, daß man meint, man könnte die alten Straßen und Gebäude regelrecht vor sich sehen.
Hinzu kommt - neben der wirklich sehr spannenden Krimi-Handlung, die am Schluß sogar in einer Art göttlicher Gerechtigkeit endet (ich mag sowas) - eine Ansammlung von skurrilen Charakteren. Tesla hat ein Zimmer bei einem alten Kapitän gemietet, der mit allerlei Dönekes aufwarten kann, hinzu kommen noch ein englischer Lord mit seinem fast-indianischem Diener und nicht zu vergessen Elaine, eine Bekannte Teslas, die es allerdings eher auf Karl May abgesehen hat.
Es ist natürlich ein Wagnis, historische Personen in einer erfundenen Handlung agieren zu lassen; doch was man so von Karl May weiß - leider wußte ich von Tesla nicht viel, das wird sich aber nach diesem Roman gewiß ändern - könnte er sich wirklich so verhalten haben, wie er im Roman geschildert wird. Köstlich ist zudem, wie Jürgen Heinzerling die zahlreichen Dialekte in Szene setzt - das breite Dresdner Platt (* Für PLATTDÜTSCH halte ich das aber nicht eben...! Heike) und das Kölsch vor sich zu sehen und zu lesen, ist ein Genuß für sich.
Hinzu kommen noch zahlreiche amüsante Anekdoten - und zudem ist der Roman aus der Sicht von Tesla erzählt, der kleine Spitzen gegen May schießt, die dieser meistens sehr elegant erwidert. Trotz der Unterschiedlichkeit der beiden Personen merkt man doch, wie sehr sich die beiden mögen.

Fazit:
Historischer Krimi mit einem Schuß Comedy - das kann gut- oder auch schiefgehen. In diesem Fall hat Jürgen Heinzerling es geschafft, eine sehr amüsante und überaus spannende Geschichte zu erzählen.
14 Punkte

Christian Spließ

Ein historischer Krimi im FLASH? Nun, wie beim Vorgänger "Der Maestro" gilt: Der Autor Jürgen Heinzerling ist auch teilweise im phantastischen Genre beheimatet; fernerhin gibt es einige angedeutete phantastische Elemente in dem Roman, so daß er doch gut ins FLASH paßt.

Der Einband des Romans ist sehr schön geraten, der Klappentext verrät aber nicht viel.
Deshalb: Der Schriftsteller Karl May besucht um 1880 den (heute weltberühmten) Wissenschaftler Nikola Tesla am Niederrhein, um ihn u.a. bei seinen Wetterexperimenten zu beobachten. Dabei gelingen Tesla eigenartige Aufzeichnungen, die wie Stimmen aus dem Totenreich klingen und die vielleicht Spuren enthalten, die auf einen in der Umgebung geschehenden Mord hindeuten...

Gleich zu Anfang meiner Rezension stoße ich auf ein größeres Problem, nämlich jenes, wie dieser Roman zu klassifizieren ist. Sicher, die eben geschilderte Zusammenfassung suggeriert einen historischen Krimi, aber ist es denn auch einer? Im Gegensatz zu "Der Maestro", Heinzerlings Vorgängerroman, findet die Krimihandlung deutlich mehr im Hintergrund statt und ist wesentlich unwichtiger, weshalb man die Behauptung aufstellen könnte, daß es sich beim Wettermacher nur bedingt um einen Genre-Roman handelt.

Noch mehr als beim "Maestro" hat der Autor diesmal Recherche betrieben und unterbreitet dem Leser ein Füllhorn an Details zu praktisch jedem Aspekt des Lebens am Ende des 19. Jahrhunderts.
Das hat den großen Vorteil, daß der Roman dadurch eine sehr, sehr dichte Atmosphäre besitzt, aber auch den Nachteil, daß die Handlung stellenweise der ganzen Beschreibungen wegen nur langsam vorankommt. Eines ist sicher: Der Leser lernt sehr viel über diese Epoche. Ich habe es zumindest getan, aber halt mit dem Manko, daß, wenn der Autor detailliert auf Dinge eingeht, die den Leser nicht so interessieren, es etwas 'anstrengend' wird. Mich persönlich interessiert z.B. das Thema "Essen" nicht so sehr (der Autor gibt hingegen auf seiner Homepage an, daß er passionierter Hobby-Koch ist), und deshalb hatte ich teilweise Mühe, wenn über 2-3 Seiten geschildert wird, was Karl May zu welchem Essensgang bevorzugt und warum.

Stilistisch ist der Roman sehr gefällig. Die Sprache ist in Wortwahl und Satzbau sehr elegant und schön (man merkt die große Sorgfalt des Autors und des Lektorats) und nicht zu übertrieben an die Gewohnheiten des ausgehenden 19. Jahrhunderts angelehnt. Ich hatte z.B. noch wesentlich mehr Romanismen erwartet, die ja damals sehr "in" waren, so wie heute Anglizismen. Zeitgenössische Romane, z.B. von Fontane, sind voll von "Canapés", "Trottoirs" und anderen damaligen "In"-Worten. (Argh. Schon wieder ein Anglizismus!)

Als großer Anhänger von gelungenen Anfangs- und Schlußsätzen eines Romanes schenke ich diesen sehr viel Beachtung. Der Einleitungssatz ist sehr gelungen und führt vom Abstrakten zum Konkreten näher an die Ausgangssituation heran, und auch der wehmütige Schlußsatz hat mir sehr gefallen. Ich mag solch melancholische Ausklänge sehr.

Gewundert habe ich mich über die manchmal sehr langen Kapitel, die teilweise 30-50 Seiten Umfang haben. Ich bin es irgendwie gewohnt, kürzere Kapitel zu lesen, zumal ich niemals ein Buch "mittendrin" zumache, sondern immer ein Kapitel zu Ende lese, damit ich bei der nächsten "Sitzung" den Anschluß schneller bekomme. Beim Wettermacher mußte ich teilweise lange lesen, um eine "Sitzung" abschließen zu können. Ich möchte das jetzt nicht als "mangelnden Service am Leser" ankreiden, sondern hier nur mal erwähnen. Es gibt auch Romane, die überhaupt keine Einteilungen haben und trotzdem sehr gelungen sind, wie z.B. "Dolores Claiborne" von Stephen King.

Die Hauptpersonen Tesla und Karl May sind sehr ansprechend gelungen; sie sind schöne, runde Charaktere, mit denen man mitfiebern kann. Es sei dahingestellt, ob man dem Autor dafür dankbar sein soll oder nicht, daß er es bei Karl May mit Erwähnungen von "Winnetou", "Old Shatterhand" & Co. nicht übertrieben hat. Damit läuft er sicherlich den Erwartungen vieler Leser zuwider, die, geprägt durch die Wendlandt-Filme oder die "grünen Bücher", etwas mehr Ausführungen zu Mays Werk erwartet hätten. Diese finden praktisch nicht statt. Man erfährt viel über das Leben Karl Mays, aber nicht über sein Werk.
Ansonsten ist der Roman von interessanten und skurrilen Personen bevölkert, wobei insbesondere der Kapitän/Hausherr, bei welchem Tesla wohnt, die Leserherzen für sich gewinnen kann. Aus Marketing-Gründen ist es verwunderlich, daß weibliche Charaktere nur eine sehr geringe Rolle spielen. Es ist ja bekannt, daß der weibliche Anteil der Krimileserschaft überwiegt, und diese bekommen in dem Roman nur sehr wenige weibliche Identifikationsfiguren geboten. Eigentlich nur eine - und diese wird vom Autor auffällig im Hintergrund gehalten.

Der Krimi-Plot ist clever konstruiert, und auch eines der Hauptmerkmale eines Krimis hat der Autor elegant eingebaut, dieses: "Ich verstecke eine im Finale wichtige Person gut in der Handlung, und zwar so, daß der Leser nicht merkt, daß ich jemanden verstecken will." Zumindest ich bin dem Autor da voll auf den Leim gegangen.

Überrascht wurde zur Kenntnis genommen, daß das Handlungselement der "Stimmenaufnahmen aus dem Totenreich", welches in der ersten Hälfte des Romanssehr dominant ist, im Lauf des Buches immer unwichtiger wird und am Ende praktisch nichts zur Lösung des Falles beiträgt. Böswillig formuliert könnte man sagen, daß es nur dazu da ist, um die Handlung zu "strecken"; etwas neutraler formuliert: Das Thema interessiert den Autor halt, und so soll es der Bereicherung des Romans dienen, was es auch tut, denn diese Szenen sind sehr atmosphärisch.

un zum Tempo des 'Wettermachers': Ich würde mich selbst als sehr geduldigen Leser einschätzen, der auch vor dicken Ziegelsteinen wahrlich nicht zurückschreckt, und ich habe ja auch schon festgestellt, daß ich das Buch nur bedingt als Genre- Roman ansehe, aber trotzdem: Auch mir war es insgesamt etwas zu lang. Ich schrieb in meiner Rezension zum "Maestro", daß ich dort von der narrativen Ökonomie sehr angetan war. Das war beim Wettermacher nicht immer so. Einige Szenen waren mir definitiv zu lang und hätten für mich früher enden müssen, weil ich langsam das Interesse verlor und mir einen Szenenwechsel wünschte.
Anders ausgedrückt: Man kann über den Roman vieles sagen, aber nicht, daß er schnörkellos ist. Das war wohl auch gar nicht beabsichtigt; der Autor wollte dem Leser auch Land und Leute dieser Zeit näherbringen und hat wahrscheinlich auch versucht, sich dem "Tempo" des ausgehenden 19. Jahrhunderts anzupassen (Geschlossenheit von Inhalt und Form).
Wieder anders ausgedrückt: Der Autor macht es dem Leser an manchen Stellen nicht gerade leicht, und ungeduldigeren Lesern kann ich den Roman nur bedingt empfehlen. Diese kommen eigentlich nur im Finale auf ihre Kosten, in welchem der Autor dann das Gaspedal bis zum Anschlag durchtritt. Aufgrund des fast völligen Fehlens von Action-Szenen (bis dahin) entfalten diese dann zum Schluß eine starke Wirkung.

Wie gesagt, ich bin ein geduldiger Leser, und gegen Ende zieht das Tempo ja auch deutlich an, aber auch bei mir führt diese Tatsache dazu, von Höchstnoten Abstand zu nehmen.

Abschließend ist festzustellen, daß mir der Roman aufgrund des schönes Stils und der dichten Atmosphäre trotz einiger Längen gut gefallen hat, und deshalb komme ich zu dem

Fazit:
Brillant recherchierter, stilistisch hervorragender historischer Kriminalroman, bevölkert mit skurrilen und interessanten Charakteren. Da der Autor seinen Lesern aber auch ausführlich Land und Leute des ausgehenden 19. Jahrhunderts näherbringen möchte, gilt meine klare Leseempfehlung für ungeduldigere oder reine Genre-Leser nur bedingt.
11 Punkte.

Oliver Naujoks


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