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Ein historischer Krimi im FLASH? Nun, wie beim
Vorgänger "Der Maestro" gilt: Der Autor Jürgen
Heinzerling ist auch teilweise im phantastischen Genre
beheimatet; fernerhin gibt es einige angedeutete
phantastische Elemente in dem Roman, so daß er doch
gut ins FLASH paßt.
Der Einband des Romans ist sehr schön geraten, der
Klappentext verrät aber nicht viel.
Deshalb: Der Schriftsteller Karl May besucht um 1880 den
(heute weltberühmten) Wissenschaftler Nikola Tesla am
Niederrhein, um ihn u.a. bei seinen Wetterexperimenten zu
beobachten. Dabei gelingen Tesla eigenartige Aufzeichnungen,
die wie Stimmen aus dem Totenreich klingen und die
vielleicht Spuren enthalten, die auf einen in der Umgebung
geschehenden Mord hindeuten...
Gleich zu Anfang meiner Rezension stoße ich auf ein
größeres Problem, nämlich jenes, wie dieser
Roman zu klassifizieren ist. Sicher, die eben geschilderte
Zusammenfassung suggeriert einen historischen Krimi, aber
ist es denn auch einer? Im Gegensatz zu "Der Maestro",
Heinzerlings Vorgängerroman, findet die Krimihandlung
deutlich mehr im Hintergrund statt und ist wesentlich
unwichtiger, weshalb man die Behauptung aufstellen
könnte, daß es sich beim Wettermacher nur bedingt
um einen Genre-Roman handelt.
Noch mehr als beim "Maestro" hat der Autor diesmal Recherche
betrieben und unterbreitet dem Leser ein Füllhorn an
Details zu praktisch jedem Aspekt des Lebens am Ende des 19.
Jahrhunderts.
Das hat den großen Vorteil, daß der Roman
dadurch eine sehr, sehr dichte Atmosphäre besitzt, aber
auch den Nachteil, daß die Handlung stellenweise der
ganzen Beschreibungen wegen nur langsam vorankommt. Eines
ist sicher: Der Leser lernt sehr viel über diese
Epoche. Ich habe es zumindest getan, aber halt mit dem
Manko, daß, wenn der Autor detailliert auf Dinge
eingeht, die den Leser nicht so interessieren, es etwas
'anstrengend' wird. Mich persönlich interessiert z.B.
das Thema "Essen" nicht so sehr (der Autor gibt hingegen auf
seiner Homepage an, daß er passionierter Hobby-Koch
ist), und deshalb hatte ich teilweise Mühe, wenn
über 2-3 Seiten geschildert wird, was Karl May zu
welchem Essensgang bevorzugt und warum.
Stilistisch ist der Roman sehr gefällig. Die Sprache
ist in Wortwahl und Satzbau sehr elegant und schön (man
merkt die große Sorgfalt des Autors und des Lektorats)
und nicht zu übertrieben an die Gewohnheiten des
ausgehenden 19. Jahrhunderts angelehnt. Ich hatte z.B. noch
wesentlich mehr Romanismen erwartet, die ja damals sehr "in"
waren, so wie heute Anglizismen. Zeitgenössische
Romane, z.B. von Fontane, sind voll von "Canapés",
"Trottoirs" und anderen damaligen "In"-Worten. (Argh. Schon
wieder ein Anglizismus!)
Als großer Anhänger von gelungenen Anfangs- und
Schlußsätzen eines Romanes schenke ich diesen
sehr viel Beachtung. Der Einleitungssatz ist sehr gelungen
und führt vom Abstrakten zum Konkreten näher an
die Ausgangssituation heran, und auch der wehmütige
Schlußsatz hat mir sehr gefallen. Ich mag solch
melancholische Ausklänge sehr.
Gewundert habe ich mich über die manchmal sehr langen
Kapitel, die teilweise 30-50 Seiten Umfang haben. Ich bin es
irgendwie gewohnt, kürzere Kapitel zu lesen, zumal ich
niemals ein Buch "mittendrin" zumache, sondern immer ein
Kapitel zu Ende lese, damit ich bei der nächsten
"Sitzung" den Anschluß schneller bekomme. Beim
Wettermacher mußte ich teilweise lange lesen, um eine
"Sitzung" abschließen zu können. Ich möchte
das jetzt nicht als "mangelnden Service am Leser" ankreiden,
sondern hier nur mal erwähnen. Es gibt auch Romane, die
überhaupt keine Einteilungen haben und trotzdem sehr
gelungen sind, wie z.B. "Dolores Claiborne" von Stephen
King.
Die Hauptpersonen Tesla und Karl May sind sehr ansprechend
gelungen; sie sind schöne, runde Charaktere, mit denen
man mitfiebern kann. Es sei dahingestellt, ob man dem Autor
dafür dankbar sein soll oder nicht, daß er es bei
Karl May mit Erwähnungen von "Winnetou", "Old
Shatterhand" & Co. nicht übertrieben hat. Damit
läuft er sicherlich den Erwartungen vieler Leser
zuwider, die, geprägt durch die Wendlandt-Filme oder
die "grünen Bücher", etwas mehr Ausführungen
zu Mays Werk erwartet hätten. Diese finden praktisch
nicht statt. Man erfährt viel über das Leben Karl
Mays, aber nicht über sein Werk.
Ansonsten ist der Roman von interessanten und skurrilen
Personen bevölkert, wobei insbesondere der
Kapitän/Hausherr, bei welchem Tesla wohnt, die
Leserherzen für sich gewinnen kann. Aus
Marketing-Gründen ist es verwunderlich, daß
weibliche Charaktere nur eine sehr geringe Rolle spielen. Es
ist ja bekannt, daß der weibliche Anteil der
Krimileserschaft überwiegt, und diese bekommen in dem
Roman nur sehr wenige weibliche Identifikationsfiguren
geboten. Eigentlich nur eine - und diese wird vom Autor
auffällig im Hintergrund gehalten.
Der Krimi-Plot ist clever konstruiert, und auch eines der
Hauptmerkmale eines Krimis hat der Autor elegant eingebaut,
dieses: "Ich verstecke eine im Finale wichtige Person gut in
der Handlung, und zwar so, daß der Leser nicht merkt,
daß ich jemanden verstecken will." Zumindest ich bin
dem Autor da voll auf den Leim gegangen.
Überrascht wurde zur Kenntnis genommen, daß das
Handlungselement der "Stimmenaufnahmen aus dem Totenreich",
welches in der ersten Hälfte des Romanssehr dominant
ist, im Lauf des Buches immer unwichtiger wird und am Ende
praktisch nichts zur Lösung des Falles beiträgt.
Böswillig formuliert könnte man sagen, daß
es nur dazu da ist, um die Handlung zu "strecken"; etwas
neutraler formuliert: Das Thema interessiert den Autor halt,
und so soll es der Bereicherung des Romans dienen, was es
auch tut, denn diese Szenen sind sehr
atmosphärisch.
un zum Tempo des 'Wettermachers': Ich würde mich selbst
als sehr geduldigen Leser einschätzen, der auch vor
dicken Ziegelsteinen wahrlich nicht zurückschreckt, und
ich habe ja auch schon festgestellt, daß ich das Buch
nur bedingt als Genre- Roman ansehe, aber trotzdem: Auch mir
war es insgesamt etwas zu lang. Ich schrieb in meiner
Rezension zum "Maestro", daß ich dort von der
narrativen Ökonomie sehr angetan war. Das war beim
Wettermacher nicht immer so. Einige Szenen waren mir
definitiv zu lang und hätten für mich früher
enden müssen, weil ich langsam das Interesse verlor und
mir einen Szenenwechsel wünschte.
Anders ausgedrückt: Man kann über den Roman vieles
sagen, aber nicht, daß er schnörkellos ist. Das
war wohl auch gar nicht beabsichtigt; der Autor wollte dem
Leser auch Land und Leute dieser Zeit näherbringen und
hat wahrscheinlich auch versucht, sich dem "Tempo" des
ausgehenden 19. Jahrhunderts anzupassen (Geschlossenheit von
Inhalt und Form).
Wieder anders ausgedrückt: Der Autor macht es dem Leser
an manchen Stellen nicht gerade leicht, und ungeduldigeren
Lesern kann ich den Roman nur bedingt empfehlen. Diese
kommen eigentlich nur im Finale auf ihre Kosten, in welchem
der Autor dann das Gaspedal bis zum Anschlag durchtritt.
Aufgrund des fast völligen Fehlens von Action-Szenen
(bis dahin) entfalten diese dann zum Schluß eine
starke Wirkung.
Wie gesagt, ich bin ein geduldiger Leser, und gegen Ende
zieht das Tempo ja auch deutlich an, aber auch bei mir
führt diese Tatsache dazu, von Höchstnoten Abstand
zu nehmen.
Abschließend ist festzustellen, daß mir der
Roman aufgrund des schönes Stils und der dichten
Atmosphäre trotz einiger Längen gut gefallen hat,
und deshalb komme ich zu dem
Fazit:
Brillant recherchierter, stilistisch hervorragender
historischer Kriminalroman, bevölkert mit skurrilen und
interessanten Charakteren. Da der Autor seinen Lesern aber
auch ausführlich Land und Leute des ausgehenden 19.
Jahrhunderts näherbringen möchte, gilt meine klare
Leseempfehlung für ungeduldigere oder reine Genre-Leser
nur bedingt.
11 Punkte.
Oliver
Naujoks

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